VORWEIHNACHTLICHES

Auf Weihnachtsmärkten wird nun wieder das aus weinfassähnlichen Hartplastikcontainern in klobige Pfandbecher gezapfte, nach Sprit und Nelkenaroma riechende Heißgetränk mit Namen Glühwein feilgeboten, mit dem sich Kenner relativ preisgünstig schnell und zuverlässig, musikalisch begleitet von O du fröhliche…die Kante geben können. Was vielleicht nicht jeder weiß: die Hersteller adeln ihre dunkelrote Brühe mit einer, es gibt sie wirklich, Glühweinkönigin. In diesem Jahr heißt sie Verena Müller. Frau Müller ist eine ehrliche Haut. Sie hat zu Protokoll gegeben, dass nach ein bis – Achtung ! – zwei Bechern bei ihr Schluss ist. Na, dann Prost.

Wer noch nach einem Geschenk für den Platz unter dem Weihnachtsbaum Ausschau hält, dem sei das Tagesspeigel-Advent-Gewinnspiel empfohlen, das einem Tagesspiegelmitarbeiter vielleicht nach dem Besuch eines Weihnachtsmarkts nach dem Genuss einiger Becher Glühweines eingefallen ist: Man kann eine Husqwarna-Kettensäge gewinnen. Sie ist mit ihrem unschlagbar geringen Gewicht von 2,9 Kilo übrigens  besonders für weibliche Hände geeignet. Ein Schelm, wem dabei Splattermovies einfallen.

UdM 03.12.19

LOST IN TRANSPORTATION

Zuerst die Kurzfassung: Gestern bin ich mit der Lufthansa von Berlin nach Frankfurt und wieder zurück geflogen.
Was wirklich geschah: Mit elektronischen Bordkarten ausgestattet, passierte ich in Berlin Tegel alle Lesegeräte und flog pünktlich um 8:45 mit LH 177 nach Frankfurt/Main. Nach einem privaten Termin war ich bereits um 16:00 wieder am Flughafen. Um 18:15 wollte ich mit LH 196 zurück nach Tegel fliegen.
Gemütlich passierte ich das Lesegerät am Terminal A, dann die Sicherheitskontrolle und widmete mich der Zeitungslektüre. Pünktlich zum Boarding um 17:45 erschien ich am Gate, wo das Lesegerät nach auflegen des Handys rot zeigte und sirenenartige Geräusche von sich gab.
Ich wurde zum Schalter gebeten, meine Bordkarte wurde überprüft.
Ich war für den Flug gestrichen worden! Von wem? Warum? Einzige Erklärung des Bodenpersonals: Ich sei am Morgen gar nicht nach Frankfurt geflogen. Ich wurde zum Servicecenter der Lufthansa geschickt. Meine Buchung wurde überprüft – meine Buchungsnummer, mein Buchungscode, meine Bordkarten.
Ergebnis: „Für uns sind Sie heute Morgen nicht nach Frankfurt geflogen, deshalb wurden Sie gestrichen!“ Die Tatsache, dass ich leibhaftig vor der Lufthansa Servicedame stand, meine Versicherung, dass ich tatsächlich geflogen sei, die Frage, wie ich denn ihrer Meinung nach hierher und durch alle Sicherheitskontrollen gekommen sei, lies sie kühl an sich abperlen.
„Für uns sind sie nicht geflogen oder als blinder Passagier, den wir dem Luftfahrtbundesamt melden müssen!“ Dass ich mit meiner Bordkarte in einem ausgebuchten Flugzeug auf dem zugewiesenen Platz gesessen hatte, beeindruckte sie – weil nicht „objektiv“ überprüfbar – absolut nicht. „Eine Bordkarte bedeutet für uns nicht, dass Sie auch geflogen sind.“ Schließlich verschwand sie in einem Büro, kehrte gefühlte 30 Minuten später zurück. Mein gebuchter und bestätigter Flug war inzwischen in der Luft.
Ich kochte innerlich, blieb äußerlich freundlich. Mein Rückflug hing vom Wohlwollen der Frau hinter dem Schalter ab: „Also Sie sind nicht von Berlin nach Frankfurt geflogen! Deshalb wurden Sie automatisch gestrichen! Wir buchen Sie ausnahmsweise auf die nächste Maschine! Das müssen wir allerdings melden!!“
Nachdem ich die neue Bordkarte (Papier!) in der Hand hielt, kündigte ich an, dass ich mich auf jeden Fall beschweren wolle. „Können Sie gerne machen!“ Sie drückte mir eine Kärtchen mit der Mailadresse des LH-Service in die Hand. Für sie stand fest: Der Computer irrt nicht, ich war verdächtig. Wenn sich hier jemand zu entschuldigen hatte, dann der lästige Kunde. Danke Lufthansa!
H.R.

KANZLER SÖDER

Als unsere Kinder noch kleiner waren, fragten sie vorm Fernseher, wenn im Hintergrund schneebedeckte Bergspitzen zu sehen waren und vorne Schauspieler agierten mitunter: Pappi, was sprechen die Menschen für eine Sprache? Die Antwort war, sie sprechen deutsch, bayrisches Deutsch. Ach so, sagten sie, dürfen wir umschalten? Nicht etwa, weil das Geschehen auf dem Bildschirm langweilig gewesen wäre, sondern schwer verständlich und fremdartig. Warum war das so, und ist es heute in vielen Familien noch immer?

Unsere Kinder haben in den Ferien nie ein bayrisches Kind kennengelernt. Schleswig-Holsteinische, mecklenburgische, nordrhein-westfälische, um nur einige Provinzen zu nennen, italienische, französische, dänische, mit denen Kinder, auch wenn sie deren Sprache nicht sprechen sich so wunderbar verständigen können, – nie aber baden-württembergische und bayrische.

Und das liegt natürlich an der deutschen Ferienordnung, die ein solches Kennenlernen unmöglich macht. Einmal haben wir es mit einem Ferienaufenthalt im Allgäu versucht, um der Fremdheit abzuhelfen. Aber das war nicht zu Ende gedacht, denn die dortigen Kinder gingen ja zur Schule und nachmittags mussten sie Hausaufgaben machen, um später den besonderen Qualitäten des bayrischen Abiturs zu genügen.

Nun hatte jemand die Faxen dicke mit den süddeutschen Extrawürsten, verlangte, dass auch die Südländer an der Rotation der Großen Ferien teilnehmen, und was macht Markus Söder? Er lehnt ab. Dem Mann, der die Zeichen der Zeit erkannt hat, der Bienen streichelt und Bäume umarmt, der seit seinem Erweckungserlebnis zum großen Versöhner stets wie ein guter Vater milde lächelt, wenn er auf eine zukünftige Kanzlerschaft angesprochen wird, entgeht das Potenzial der Ferienrotation. Die großartige Möglichkeit endlich Bayrische Kinder mit denen von Restdeutschland zusammenzubringen, ihnen die Fremdheit vor bayrischem Idiom und vor bayrischer Lebensart zu nehmen. Er sieht nicht, dass es um ein gesamtdeutscher Kanzler zu werden nicht ausreicht, mit einer regionalen Nischenpartei gute Ergebnisse zu erzielen, sondern dass es der gesamtdeutschen Sympathie der Menschen bedarf. Die aber ist nur zu erlangen, wenn bayrische und alle anderen deutschen Kinder gemeinsam im Meer schwimmen oder auf Bergspitzen gemeinsam die harten Eier der Mittagsjause nach dem Gipfelsturm verzehren, um sich, erwachsen geworden, am Wahltag daran zu erinnern, dass Bayern sympathische Deutsche sind.

Für Menschen, denen ein Kanzler Söder keine Herzensangelegenheit ist, hat die Sache natürlich auch ihr Gutes.

 

UdM

DER HERR DER FLIEGEN

Gestern haben an die 40.000 Landwirte mit mehr als 8.000 Traktoren in Berlin gegen die Agrar- und Umweltpolitik der Bundesregierung protestiert. Das führte zu einem Verkehrschaos. So wie bei anderen Demonstrationen – oder bei Staatsbesuchen.
Besonders gestört von den für ihre Position eintretenden Bauern, fühlte sich der Chefredakteur des Berliner „Tagesspiegel“, Lorenz Maroldt. In seinem heutigen Checkpoint vergleicht er sie mit „einem Schwarm Schmeißfliegen“.
Wikipedia: Schmeißfliegen werden von verfallenden organischen Stoffen angelockt. Ihre Stoffwechselprodukt sind für den menschlichen Körper nicht gesund.
Toller Vergleich, Kollege!
H.R.

ALLES BIO ODER?

Dialog auf der Strasse:
„Ich kaufe inzwischen fast nur noch BIO und möglichst fair gehandelt.“
„Mache ich schon lange!“
„Am liebsten, wenn es gerade günstig oder im Angebot ist.“
„Na, klar. ALDI, LIDL, PENNY. Tolle Angebote und so billig!“
„Ja, den Bioladen hier, kannst de vergessen …“
H.R.

BUCHTIPP

Bald ist Weihnachten und es müssen Geschenke gesucht und gefunden werden. Dieses Geschenk hat 958 Seiten. Der New Yorker schrieb 2015 beim Erscheinen von „Ein wenig Leben“: „Yanagiharas Roman kann dich verrückt machen, verschlingen und von deinem Leben Besitz ergreifen.“ Auf Deutsch gibt es dieses großartige Buch seit September 2018. Es geht um Freundschaft, Leid, Liebe, Missbrauch und Kunst.
H.R.

NEUE STUDIE

Zurzeit herrschen zwar noch vergleichsweise milde Temperaturen. Dies könne sich aber bald ändern warnt eine Studie der Bertelsmannstiftung. In den Monaten Januar und Februar des kommenden Jahres sei mit erheblich niedrigeren Temperaturen zu rechnen.

UdM

09.10.19

NEUE STUDIE

Zurzeit herrschen zwar noch vergleichsweise milde Temperaturen. Dies könne sich aber bald ändern warnt eine Studie der Bertelsmannstiftung. In den Monaten Januar und Februar des kommenden Jahres sei mit erheblich niedrigeren Temperaturen zu rechnen.

UdM

09.10.19

DIE ENKELAMPEL

Zukünftig soll der Berliner Fußgänger, wie es in anderen Metropolen der Welt üblich ist, in sozusagen einem Rutsch eine ampelregulierte Kreuzung überqueren können, ohne auf dem Mittelstreifen, so vorhanden, ausgebremst zu werden. Diese bahnbrechende Verbesserung hat die Verkehrssenatorin in einem Programm voller Meilensteine, die Berlin an die Spitze fußgängerfreundlicher Großstädte katapultieren wird, verkündet.

Eine gute Nachricht also. Nicht mehr ganz so gut, besonders für betagte Mitbürger, das Eingeständnis der Senatorin, dass die Umstellung der 2000 Ampeln für diese Wohltat zehn Jahre in Anspruch nehmen wird.

Wer sich nun aber angesichts dieser Perspektive auf den Arm genommen fühlt, fühlt kleinmütig. Wenn beispielsweise die Niederländer bei der Eindeichung des Ijsselmeers so gedacht hätten, wäre kein einziger Polder entstanden, denn zwischen Beginn der Arbeiten und deren Erfolg in Form von neu gewonnenem Land liegen viele Jahrzehnte. Und, um ein weiteres Beispiel zu geben, auf den Oliventerrassen Südeuropas wäre nie ein Baum gepflanzt worden, dauert es doch vom Setzen des Schösslings bis zum erntereifen Baum drei Bauerngenerationen, weshalb die Olive in Italien Enkelbaum genannt wird.

Wenn man also in sagen wir, fünf, sechs Jahren beim Überqueren des Kurfürstendamms an der Kreuzung Uhlandstrasse noch immer vom roten Ampelmännchen zum abrupten Halt auf dem Mittelstreifen gezwungen wird, sollte man sich nicht ärgern, sondern verständnis- vielleicht sogar liebevoll denken: Das ist eine Enkelampel.

 

UdM 18.09.19

DIE EINZELSEITE

Ich weiß nicht mehr, wann mir beim Aufschlagen meiner Zeitung die Einzelseite zum ersten Mal herausfiel. War es, als sie im ICE unter die Bankreihe vor meinem Sitzplatz glitt, ich sie mit starken Verrenkungen, begleitet von befremdeten Blicken der dort sitzenden älteren Dame hervorklauben musste und mich am Tag darauf im Wartezimmer eines Orthopäden wiederfand? War es als sie am Strand von Westerland, von einer Windböe erfasst, ins Weite schoss, ein arglos im Sand spielendes Kleinkind umwickelte und mir böse Worte der Eltern eintrug? War es als sie im Café zu Boden flatterte und unter den nassen Schuhsolen eines eben aus dem Regen hereintretenden Gastes in den Zustand der Unlesbarkeit verwandelt wurde? War es, als ich verärgert das Fehlen von Seite 4 und 5 bemerkte, sie aber versehentlich mit dem Möbelhausangebot Bockspringbetten für Langschläfer und der Sonderseite Barfußwandern in den Süd-Karpaten in den Papierkorb geworfen hatte, oder war es, als ich das Hemd wechseln musste, weil sie, in meinen Morgenkaffee geflappt, beim Umblättern einen braunen feuchten Fleck auf dem Ärmel hinterließ?

 

Die Einzelseite ist die Papier gewordenen Zumutung für jeden Zeitungsleser.

 

Wann und vor allem warum wurde sie erfunden? Ich kann nur spekulieren: Eines Tages kurz vor Redaktionsschluss meldet sich die Anzeigenredaktion: Wir haben gerade eben für Seite 5 noch eine Anzeige, ganzseitig, Farbe, der Supermarktkette mit Sonderangeboten für Fleisch- und Wurstwaren reinbekommen. (Das sind diese Seiten die Liebhaber eines guten Steaks umgehend zu Vegetariern machen können.) Gut, sagt der Chefredakteur zu seinen Redakteuren, dann fliegt für uns Seite 5 raus auf eine neue Doppelseite, das macht drei Seiten zusätzlich, wer hat noch was!?

In diesem Augenblick kommt einer der neuen jungen dynamischen BWLer, die die Verlagsleitung zwecks Kostensenkung eingestellt hat in die Redaktion, hört es und ruft: Moment! Wieso Doppelseite? Kann man diese übrigens sehr, sehr wichtige Werbung nicht auf eine Einzelseite drucken und eure Artikel auf die Rückseite? Wir müssen endlich mal anfangen, unser Produkt zu optimieren!

So oder so ähnlich könnte es zur Einzelseite gekommen sein. Sie ist derartig unpraktisch und leserfeindlich, dass sie nur ein nicht Zeitung lesender BWLer erfunden haben kann.

Ich könnte meinen Protest natürlich an die Pressestelle meiner Zeitung richten. Die würde ihn zur Beantwortung aber vermutlich an die BWLer weiterleiten. Und deren Antwort auf die Frage Warum macht ihr das? kenne ich schon: Weil wir es müssen. Aber wir verstehen Ihr Problem und empfehlen Ihnen unsere Online-Ausgabe.

Ich aber liebe meine Zeitung aus Papier und hoffe jeden Morgen aufs Neue auf eine einzelseitenfreie Ausgabe.

UdM 12.09.19