DIE ENKELAMPEL

Zukünftig soll der Berliner Fußgänger, wie es in anderen Metropolen der Welt üblich ist, in sozusagen einem Rutsch eine ampelregulierte Kreuzung überqueren können, ohne auf dem Mittelstreifen, so vorhanden, ausgebremst zu werden. Diese bahnbrechende Verbesserung hat die Verkehrssenatorin in einem Programm voller Meilensteine, die Berlin an die Spitze fußgängerfreundlicher Großstädte katapultieren wird, verkündet.

Eine gute Nachricht also. Nicht mehr ganz so gut, besonders für betagte Mitbürger, das Eingeständnis der Senatorin, dass die Umstellung der 2000 Ampeln für diese Wohltat zehn Jahre in Anspruch nehmen wird.

Wer sich nun aber angesichts dieser Perspektive auf den Arm genommen fühlt, fühlt kleinmütig. Wenn beispielsweise die Niederländer bei der Eindeichung des Ijsselmeers so gedacht hätten, wäre kein einziger Polder entstanden, denn zwischen Beginn der Arbeiten und deren Erfolg in Form von neu gewonnenem Land liegen viele Jahrzehnte. Und, um ein weiteres Beispiel zu geben, auf den Oliventerrassen Südeuropas wäre nie ein Baum gepflanzt worden, dauert es doch vom Setzen des Schösslings bis zum erntereifen Baum drei Bauerngenerationen, weshalb die Olive in Italien Enkelbaum genannt wird.

Wenn man also in sagen wir, fünf, sechs Jahren beim Überqueren des Kurfürstendamms an der Kreuzung Uhlandstrasse noch immer vom roten Ampelmännchen zum abrupten Halt auf dem Mittelstreifen gezwungen wird, sollte man sich nicht ärgern, sondern verständnis- vielleicht sogar liebevoll denken: Das ist eine Enkelampel.

 

UdM 18.09.19

DIE EINZELSEITE

Ich weiß nicht mehr, wann mir beim Aufschlagen meiner Zeitung die Einzelseite zum ersten Mal herausfiel. War es, als sie im ICE unter die Bankreihe vor meinem Sitzplatz glitt, ich sie mit starken Verrenkungen, begleitet von befremdeten Blicken der dort sitzenden älteren Dame hervorklauben musste und mich am Tag darauf im Wartezimmer eines Orthopäden wiederfand? War es als sie am Strand von Westerland, von einer Windböe erfasst, ins Weite schoss, ein arglos im Sand spielendes Kleinkind umwickelte und mir böse Worte der Eltern eintrug? War es als sie im Café zu Boden flatterte und unter den nassen Schuhsolen eines eben aus dem Regen hereintretenden Gastes in den Zustand der Unlesbarkeit verwandelt wurde? War es, als ich verärgert das Fehlen von Seite 4 und 5 bemerkte, sie aber versehentlich mit dem Möbelhausangebot Bockspringbetten für Langschläfer und der Sonderseite Barfußwandern in den Süd-Karpaten in den Papierkorb geworfen hatte, oder war es, als ich das Hemd wechseln musste, weil sie, in meinen Morgenkaffee geflappt, beim Umblättern einen braunen feuchten Fleck auf dem Ärmel hinterließ?

 

Die Einzelseite ist die Papier gewordenen Zumutung für jeden Zeitungsleser.

 

Wann und vor allem warum wurde sie erfunden? Ich kann nur spekulieren: Eines Tages kurz vor Redaktionsschluss meldet sich die Anzeigenredaktion: Wir haben gerade eben für Seite 5 noch eine Anzeige, ganzseitig, Farbe, der Supermarktkette mit Sonderangeboten für Fleisch- und Wurstwaren reinbekommen. (Das sind diese Seiten die Liebhaber eines guten Steaks umgehend zu Vegetariern machen können.) Gut, sagt der Chefredakteur zu seinen Redakteuren, dann fliegt für uns Seite 5 raus auf eine neue Doppelseite, das macht drei Seiten zusätzlich, wer hat noch was!?

In diesem Augenblick kommt einer der neuen jungen dynamischen BWLer, die die Verlagsleitung zwecks Kostensenkung eingestellt hat in die Redaktion, hört es und ruft: Moment! Wieso Doppelseite? Kann man diese übrigens sehr, sehr wichtige Werbung nicht auf eine Einzelseite drucken und eure Artikel auf die Rückseite? Wir müssen endlich mal anfangen, unser Produkt zu optimieren!

So oder so ähnlich könnte es zur Einzelseite gekommen sein. Sie ist derartig unpraktisch und leserfeindlich, dass sie nur ein nicht Zeitung lesender BWLer erfunden haben kann.

Ich könnte meinen Protest natürlich an die Pressestelle meiner Zeitung richten. Die würde ihn zur Beantwortung aber vermutlich an die BWLer weiterleiten. Und deren Antwort auf die Frage Warum macht ihr das? kenne ich schon: Weil wir es müssen. Aber wir verstehen Ihr Problem und empfehlen Ihnen unsere Online-Ausgabe.

Ich aber liebe meine Zeitung aus Papier und hoffe jeden Morgen aufs Neue auf eine einzelseitenfreie Ausgabe.

UdM 12.09.19

GELIFERT

Ein fiktives Interview mit realen Aussagen real existierender nicht zur AfD gehörender Politiker nach der Wahl in Sachsen und Brandenburg.

– Sie sind, wie man so sagt, mit einem Blauen Auge davon gekommen. Was werden Sie jetzt tun?

– Liefern.

– Wie meinen Sie das?

– Wir müssen jetzt liefern!

– Kann man das konkreter sagen?

– Wir sind noch nicht am Ziel.

– Das heißt?

– Wir müssen schneller werden.

– Wobei?

– Beim Liefern.

– Und was genau?

– Langfristige Themen grundsätzlich angehen.

– Und zwar welche?

– Wir brauchen keine Taktik-Diskussionen, wir müssen darlegen, was unsere Pläne für die 20er-Jahre sind.

– Konkreter, wenn es geht –

– Übergreifend.

– Über?

– Wirtschaft, Digitalisierung, Gesundheit, Klima, Zusammenhalt, Sicherheit und Migration.

– Und wenn die Menschen, die Sie nicht gewählt haben, darin keine konkrete Verbesserung für sich sehen?

– Schnell gegensteuern.

– Und wie?

– Liefern.

 

UdM  04.09.19

WOHNQUALITÄT

Frage an den zuständigen Sachbearbeiter einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft.
Wäre es vielleicht möglich, das Gras im Hinterhof mehr als zweimal im Jahr zu mähen? Sieht wirklich nicht schön aus.
Antwort: Das kostet, das müßten wir dann auf die Miete draufschlagen. Das wollen unsere Mieter nicht.
Frage: Könnte sie denn wenigstens ab und zu gewässert werden?
Antwort: Dann müßte ja noch häufiger gemäht werden.
Frage: Könnten Sie denn dafür sorgen, dass der Müll im Hinterhof häufiger entsorgt wird oder dass es mehr Mülleimer gibt?
Antwort: Das kostet, das müßten wir auf die Nebenkosten draufschlagen. Und das wollen – na, Sie wissen schon.
Frage: Könnten Sie vielleicht ein Schloß am Hauseingang einbauen lassen, das funktioniert?
Antwort: Das ist sinnlos, geht doch wieder kaputt.
Frage: Letzen Winter funktionierte die Heizung nicht richtig. Wurde das inzwischen überprüft?
Antwort: Wissen Sie was, ziehen Sie doch einfach nach Brandenburg und kaufen sich dort ein Haus!
H.R.

NOCH EIN VORSCHLAG

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat jetzt auch einen Vorschlag zu Müllvermeidung und Klimaschutz gemacht. Nicht nur – wie von der SDP Umweltministerin geplant – sollen Plastiktüten verboten werden. Auch Papiertüten, wie sie in Bioläden zu finden sind, sollen nicht mehr erlaubt sein. Das ist nur konsequent: Papier wird aus Holz gemacht, Holz kommt von Bäumen, die kommen aus dem Wald, und den Wald brauchen wir, um CO2 zu binden.
Wie lösen wir dann aber das Einpackproblem im Einzelhandel? Da hilft ein Blick in die Vergangenheit, z.B. in die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland. Waren des täglichen Bedarfs wurden in Netzen oder eingewickelt in Zeitungspapier transportiert. Flüssige oder weiche Waren in Kannen und Schüsseln.
Wenn also die Haushaltsabgabe für ARD und ZDF um den Preis eines verpflichtenden Zeitungsabonnements erhöht würde, wäre das gut für die Verlage, die Information der Bevölkerung durch Qualitätsjournalismus und damit für den Kampf gegen die AFD und alle anderen Populisten. Nur Mut GroKo, sonst kommt der Habeck aus dem Busch und ihr seht schon wieder aus wie Looser!
H.R.

SOMMERINTERVIEW

Es gab wieder ein ARD-Sommerinterview. Diesmal mit Bienenfreund und Klimaschützer Markus Söder. Der Interviewer, der gemeine, oft scheint es, vorab verabredete Fragen stellt und der Interviewte, der dann oft so tut, als träfen ihn auch die hinterlistigsten Einwürfe ganz unerwartet, sitzen dabei in klobigen würfelförmigen roten Sesseln auf einer Plattform, die über der Spree im Regierungsviertel zu schweben scheint. Ob das, besonders bei windigem Wetter, eine zusätzlicher Trick der Fernsehleute ist, um die Interviewten, beispielsweise in Sorge um ihre Frisur, besonders authentisch erscheinen zu lassen ist Spekulation. Dennoch stellt sich die Frage nach dem Warum dieser Plattform, auf der die Befragten im Bemühen um ihre Lockerheit stets etwas verkrampft wirken. Hund und Welt vermutet, die Plattform dient dem Tierwohl. Denn sollte einer der Befragten mal seinen Hund mitbringen, wird der die luftige Atmosphäre sehr viel mehr schätzen als ein düsteres Fernsehstudio. Bei luftig, übrigens, als es um reine Luft in München ging, hat der Bienenfreund Vollzug gemeldet. Man kann wieder unbesorgt atmen, alle Messungen sind jetzt angepasst. Und bei der windigen Luft für Windkraftanlagen, von denen es im Glückliche-Bienen-Land bisher kein einziges gibt, weht Hoffnung: Wenn die Bürger keine Windräder mögen, kommen sie in die Wälder. Schau’mer mal.

05.08.19

UdM

DER SCHLAUE HUND 2

Ich habe eben mit unserem Hund Dina über die „Methode Chaser“ gesprochen. Sie hat Bedenken geäußert. Die Alternative – spielen oder Leckerli – gefällt ihr nicht. Sie plädiert für spielen und Leckerli. Oder für Leckerli ohne spielen.
Was die 1022 Begriffe angeht, die Chaser beigebracht wurden, hält sie das für machbar. Sie hat allerdings ihre Zweifel, ob ich mich nach Abschluss des Trainings noch an alle würde erinnern können. Auf :“Jetzt hol doch mal das Dings, Du weißt schon, das mit dem gelben Schnabel“, würde sie jedenfalls nicht reagieren!

H.R.

DER SCHLAUE HUND

Letzten Dienstag ist Chaser gestorben. Chaser war ein Border Collie, der eine gewisse Berühmtheit erlangte, weil er 1022 Begriffe unterscheiden konnte.Sein Besitzer, ein pensionierter Psychologieprofessor, trainierte drei Jahre lang jeweils vier bis fünf Stunden mit ihm. Eine seiner Hauptbotschaften: Hunde lernen am besten im Spiel und nicht durch Leckerli.
H.R.
Es gibt auch ein Video: https://youtu.be/J982KYWohT8

Haste mal fünf Euro?

SPD – Urgestein Oppermann hat ein Angebot gemacht, das schwer zurückzuweisen ist: Für fünf Euro sollte sich Jedermann an der Wahl der neuen SPD-Vorsitzenden beteiligen können. Das Angebot ist ausbaufähig: für einen Euro sollte man sich für den Vorsitz bewerben können. Vielleicht findet sich auf diese Weise ja jemand.

 

UdM

HUNDEGESPRÄCH

Hundebesitzerin schreit ihren frei laufenden Hund an:
„Komm endlich her du blöder Köter!“
Vorbeigehender Hundebesitzer mit angeleinter Hündin stutzt kurz:
„Da herrscht aber ein strenger Ton!“
Hundebesitzerin:
„Muss sein, ist ein Rüde!“