MARMELADE

Heute morgen meldete der Deutschlandfunk, dass die US-Regierung im Herbst deutsche Marmelade mit Strafzöllen belegen will. Ich wußte gar nicht, dass deutsche Marmelade in den USA so ein Hit ist. Was kommt als nächstes: Frankfurter Würstchen?
H.R.

AUF DU UND DU

Mein Stromanbieter duzt mich neuerdings. Es ist ein neuer Versorger. Mein alter mußte seine Kunden aus kartellrechtlichen Gründen abgeben. Jetzt bin ich bei LichtBlick und bekomme Ökostrom. Gefragt wurde ich nicht. Wechseln konnte ich auch nicht. Mein alter Vertrag wurde einfach übernommen.
Ich habe nichts gegen Ökostrom, aber ich möchte nicht geduzt werden. Angeblich soll es gut fürs Wir-Gefühl der Ökostromgemeinde sein, schreibt LichtBlick. Auch in meinem Berliner Programmkino wird von LichtBlick geworben. Das klingt nach alternativem Kleinunternehmen. Soll es zumindest.
In Wirklichkeit gehört das ehemals deutsche Unternehmen inzwischen zur niederländischen Eneco, und die wiederum gehört dem Autokonzern Mitsubishi. Also: Hört auf mich zu duzen!

DER TAG AN DEM BERLIN EIN CORONASONDERREGELUNG BEKAM

Bis gestern musste Bürgermeister Müller mit waagerecht gezogenem Mund von der Seitenlinie des Coronainfektionsgeschehens aus tatenlos mitansehen, wie Söder und Laschet einen Punktum nach dem anderen mit Sonderregelungen für sich verbuchen konnten. Nun endlich stürmt auch Berlin aufs Lockerungsfeld. Die Zurückhaltung hat sich gelohnt, denn was der Senat sich ausgedacht hat, dürfte schwer zu toppen sein: Die Coronaampel. Sie funktioniert so: Wenn sie von grün zwei Mal auf gelb springt, schaltet sie auf Rot. Springt sie zwei Mal auf Rot, geht Berlin zurück in den Lockdown.

Die jeweiligen Ampelfarben ergeben sich aus drei Parametern. Dem Faktor R, der Anzahl der zur Versorgung von Coronapatienten zur Verfügung stehenden Krankenhausbetten und der Zahl der Neuinfektionen pro Hunderttausend Einwohner. Letztere wird in Berlin anders als vom Bund beschlossen von 50 auf 20 herabgesetzt. Damit unterbietet Berlin sogar die von Kanzleramtsminister und Altenkasernierer Helge Braun geforderte 35ger Grenze.

Das Ergebnis der drei Parameter wird mühelos von einer noch zu bildenden Task-Force, bestehend aus drei Diplommathematikern in seiner ampeltauglichen Korrelation errechnet und jeweils täglich um 00.00 Uhr an die Ampelwarte weitergegeben.

Zusätzlich gilt: Wenn mindestens drei für die Berliner Sonderregelung Verantwortliche zwei Mal hintereinander wegen des Vorwurfs des groben Verwaltungsunfugs einen roten Kopf bekommen und sich mindestens zwei Mal hintereinander mindestens drei Millionen Berliner grün und gelb geärgert haben, geht der gesamte Senat einschließlich Bürgermeister Müller bis zum Ende der Coronapandemie in den Lockdown.

UdM 13.05.20

MASKENPFLICHT

Man darf wieder zum Friseur! Ich begebe mich zwecks Termin zu dem meinen. Die Tür steht einladend offen, ich werde aber von einer Vermummten mit Maske, Muster Sechzigerjahre Kittelschürze, nur derberes  Material, mit entschiedener Geste am Betreten des Salons gehindert. Es löst sich von einer vor der Spiegelwand sitzenden, nasshaarigen, ebenfalls Vermummten ein Besatzungsmitglied von Star Treck 7 und stapft auf mich zu. Nein! Es ist Mario, Friseur, ich erkenne ihn an den tätowierten Händen. Er trägt zusätzlich zur Maske einen Plastikhelm aus dem schwer Verständliches hervordringt. Ich höre heraus, ob ich eine Maske hätte, bejahe und verhülle Mund und Nase. Marios Helm nickt, wankt zurück zur vermummten Kundin. Ich mache einen zweiten Versuch, den Salon zu betreten, werde von der Sechzigerjahre Kittelschürzenmaske erneut gehindert, obwohl ich meine, vernommen zu haben ‚Bitte defilieren’, was etwas seltsam, aber doch wie eine Aufforderung zum Verbeigehen klingt. Gemeint ist aber ‚Bitte desinfizieren’. Jetzt erkenne ich in dem, was ich für einen im Weg stehende Limonadenspender gehalten habe, eine Desinfektionsstation. Mit nunmehr feuchten und unangenehm riechenden Händen darf ich endlich zum Tresen und meine Bitte nach einem Termin vortragen. Eine über den Kalender gebeugte weitere Vermummte, Maske aus einem Stoff, der in einem früheren Leben ein T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Hardrock Café’ gewesen sein mag, richtet sich auf und murmelt ‚Macht zehn Ei’. Ich blicke ratlos. Sie wiederholt mehrmals und nun verstehe ich ‚Achtzehnter Mai’. Das ist in zwei Wochen, und die Haare wachsen mir jetzt schon über den Kragen. Ich akzeptiere seufzend, verlasse an der Sechzigerjahre Kittelschürzenmaske vorbei den Salon und denke, kein Wunder, wenn mir ein paar aus der Isolation entlassene Kids hinterherrufen ‚Seht mal, Ötzi lebt!’ Aber Spaß muss sein und besser in Berlin Behaarter, als in Tübingen Bejahrter.

Übrigens muss in Mecklenburg-Vorpommern, wenn die Restaurants dort wieder öffnen, das Personal Maske tragen, die Gäste brauche es aber nicht. Das ist löblich und sollte Schule machen, denn wer zahlt schon gerne für ein Schnitzel, das er nur angucken darf. Jedenfalls ist MeckPomm damit vorgeprescht und man darf gespannt sein, wie Bayern jetzt kontert. Vielleicht mit einer Maske, die in Mundhöhe aufgeschnitten ist. Das würde dann in seiner Genialität zu Recht als Söder’scher Fressschlitz in die Coronaannalen eingehen.

UdM 06.05.20

AM TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE AN DEM DEM LÄDEN UNTER 800 QM LADENFLÄCHE WIEDER ÖFFNETEN

Ja, das ist ein schöner Schritt in Richtung ‚Neue Normalität’. Aber wenn man, wie ich, keine neue Taucherbrille braucht oder keine bunten Sommersocken, dann bleibt man in seinen vier Wänden, weil man, Brot und Käse sind vorhanden, keinen konkreten Grund hat, das Haus zu verlassen und liest mal die ganze Zeitung durch. Und manchmal, wie heute, an diesem eigentlich schönen Tag, fällt einem Bedenkenswertes auf. Da ist zum Beispiel aus Schwesigs Verbotenem Land ein Rostocker Mediziner, der nicht Ruhe geben will, bis die ganze Nation durchgetestet ist. Gut, der Mann führt jetzt ein Unternehmen, das Tests herstellt und das an der Börse gerade nicht so gut läuft, aber in Zeiten der Pandemie wäre es kleinlich hier das hehre Motiv anzuzweifeln.

Auf einer anderen Zeitungsseite finden sich zwei Schaubilder, in denen es ebenfalls um Coronatests geht, graphische Darstellungen, die Geübte sicher leicht entschlüsseln können. Der Ungeübte begnügt sich damit, zu lernen, dass es bei Tests ‚falsch positive’ und ‚richtig positive’ Ergebnisse gibt, ist allerdings verblüfft zu erfahren, dass man, wenn man, wie der Rostocker Doktor es empfiehlt, heute Flächentests durchführen würde, ebenso gut eine Münze werfen könnte, denn die Fehlerquote läge bei ca. 50 Prozent.

Und dann gibt es da noch den Infektiologen und Intensivmediziner, der mitteilt, Zitat: ‚Wenn Ihnen ein Wanderer oder Jogger entgegenkommt, ist es völlig unwahrscheinlich, dass relevante Virusmengen über einen relevanten Zeitraum vom Gegenüber in Ihre Atemwege kommen oder die eines Gegenübers. Unter freiem Himmel wird die ausgeatmete Luft sofort verdünnt.’

Ich jedenfalls, gehe jetzt zu meinem Reinigungsgeschäft. Da ist eine clevere Mannschaft auf die Idee gekommen, Gesichtsmasken nach Farbwunsch zu nähen. Ich habe mich, weil es zu meiner Kleidung passt, für schwarz entschieden. Dazu Sonnenbrille, ein federnder Gang, und dann soll mich nochmal jemand Risikogruppe nennen.

Was ist eigentlich mit dem Vermummungsverbot?

 

UdM 22.04.20

ZEHNTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Ein Vorstandsmitglied der Fußgängerlobby FUSS empfiehlt Fußgängern im Fall von schmalen Bürgersteigen, die einen Corona-Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht zulassen, auf die Fahrbahn auszuweichen, weil wegen des durch die Coronakrise zurückgegangen Verkehrs die Gefahr von einem Auto angefahren zu werde geringer sei als die Infektionsgefahr durch einen zu nahen Passanten. FUSS lässt offen, ob die dabei dennoch um Leben kommenden zu den Verkehrstoten oder den Coronatoten gezählt werden sollen.

Da es sich offenbar nicht um einen Aprilscherz handelt, wies die Polizei die Empfehlung umgehend als gesetzwidrig zurück.

 

UdM 01.04.20

NEUNTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Man stöbert wieder ein bisschen mehr im Bücherregal. Ringelnatz fällt einem in die Hände. Man schlägt irgendwo auf und findet auf Seite 667 der Ausgabe ‚Sämtliche Gedichte’ zwei Zeilen, deren Aussage man bedenken kann:

Hering in der Nordsee? Papagei

In Aschaffenburg? — Wer ist ganz frei?

 

UdM 31.03.20

ACHTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Krankenhäuser und Arztpraxen verzeichneten weniger Patienten mit leichten Schlaganfällen und leichten Infarkten, ist zu lesen. Bei der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung vermute man, die Betroffenen scheuten den Besuch, weil sie befürchten, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken. Das sei falsch, lassen Krankenhausgesellschaft und Ärzteverbände verlauten. Die ausbleibende Behandlung sei gefährlich, das Infektionsrisiko bei einem Krankenhaus- oder Arztbesuch gering.

Notfallstationen von Krankenhäusern sind meist überfüllt, Wartezimmer bei Ärzten meist eng trotz reduzierter Sitzgelegenheiten, und Wartezimmer wird seiner Bezeichnung meist gerecht: Das Warten kann geraume Zeit dauern. Wenn trotzdem der Besuch in geschlossenen Räumen mit anderen Patienten als eher ungefährlich gilt, stellt sich die Frage, warum das längere Sitzen allein oder mit dem gebotenen Abstand zu einer weiteren Person auf einer Parkbank im Freien gefährlich sein soll und deshalb unzulässig.

Solche Widersprüche sind für die Bereitschaft der Bevölkerung, Verbote zu akzeptieren kontraproduktiv, denn wenn sich herausstellte, dass sich der Staat bei manchen Verboten lediglich als Spaßbremse betätigt, stünde es für die Akzeptanz des wirklich Wichtigen zunehmend schlecht. Bei Berliner Polizisten übrigens scheint die Bereitschaft, Menschen von Parkbänken aufzuscheuchen nicht sehr groß zu sein. Das ist sympathisch.

UdM 30.03.20

SIEBENTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Heute hatte ich zum ersten Mal Angst. Weniger vor Corona als vor Kanzleramtsminister Helge Braun. Die Älteren und Kranken werden ihre Kontakte deutlich länger reduzieren müssen, gab er in einem TAGESSPIEGEL-Interview zu Protokoll. Weiß der Mann, was er da tut? Er packt einer ganz erheblichen Bevölkerungsgruppe zur Angst vor dem Virus die Angst vor andauernder Isolation noch oben drauf

Denn was genau er meint, bleibt der Phantasie der Älteren und Kranken überlassen.

Es gibt in der Bundesrepublik achtzehn Millionen Menschen über fünfundsechzig, in Berlin allein etwa siebenhunderttausend, also gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Ich gehöre dazu. Was erwartet mich also, wenn alle unter fünfundsechzig wieder ins Restaurant dürfen, auf der Caféterrasse sitzen, ins Warenhaus gehen, sich mit ihren Freundinnen und Freunden im Park treffen, in Urlaub fahren, um nur einiges zu nennen? Muss ich, müssen meine Altersgenossinnen- und genossen zu Hause bleiben?
Wenn das beabsichtigt ist, müssten die Alten dann nicht als solche gekennzeichnet werden, um Zuwiderhandlungen feststellen und ahnden zu können? Müsste man ihnen eine Chip einpflanzen, wie Haustieren? Da das, wie man jetzt bei dem Mangel an Coronatests sieht, eher Jahre dauern würde, wäre es dann einfacher die Älteren zum Tragen eines Aufnähers zu verpflichten, giftiggrüne Leuchtfarbe mit der Aufschrift ALT in Fraktur? Klingelt da was?

Wenn wir schon dabei sind: Dürften Alte nur noch in bestimmten Läden einkaufen, in denen es keinen Kontakt zur jüngeren Bevölkerung gibt? Dürften die Alte nur noch bestimmte Straßen benutzen? Würden die Alten aus dem Berufsleben entfernt, wenn die Gefahr des Kontakts mit Jüngeren besteht?

In meinem Kiez gibt es eine ganze Reihe von kleineren Läden, die von sogenannten Solo-Selbständigen betrieben werden, die zum Teil weit über fünfundsechzig sind. Mein Buchhändler zum Beispiel. Würden sie an ihren Schaufensterscheiben mit der Aufschrift KAUFT NICHT BEI ALTEN kenntlich gemacht?

Wird das Grundgesetz, das allen Bürgern gleiche Rechte garantiert, um den Artikel ‚Ausgenommen sind Alte, näheres regelt das Bundeskanzleramt’ erweitert?

Der Minister gibt als Voraussetzung für die Entlassung der Alten aus der Isolation das Vorhandensein eines Impfstoffs an: Wird für Alte eine allgemeine Impfpflicht eingeführt, die bisher in keinem Gesetz steht?

Der Kanzleramtsminister ist Arzt. Er hat über Herzrasen promiviert. Wenn er noch praktizierte, wäre ich heute sein Patient. Wünschenswert wäre, er würde keine schwammigen Drohungen aussprechen sondern besonders den Älteren, den ohnehin Einsamen, den Kranken, den Menschen mit Vorerkrankungen Mut machen.

UdM 29.03.20