ZEHNTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Ein Vorstandsmitglied der Fußgängerlobby FUSS empfiehlt Fußgängern im Fall von schmalen Bürgersteigen, die einen Corona-Sicherheitsabstand von 1,5 Metern nicht zulassen, auf die Fahrbahn auszuweichen, weil wegen des durch die Coronakrise zurückgegangen Verkehrs die Gefahr von einem Auto angefahren zu werde geringer sei als die Infektionsgefahr durch einen zu nahen Passanten. FUSS lässt offen, ob die dabei dennoch um Leben kommenden zu den Verkehrstoten oder den Coronatoten gezählt werden sollen.

Da es sich offenbar nicht um einen Aprilscherz handelt, wies die Polizei die Empfehlung umgehend als gesetzwidrig zurück.

 

UdM 01.04.20

NEUNTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Man stöbert wieder ein bisschen mehr im Bücherregal. Ringelnatz fällt einem in die Hände. Man schlägt irgendwo auf und findet auf Seite 667 der Ausgabe ‚Sämtliche Gedichte’ zwei Zeilen, deren Aussage man bedenken kann:

Hering in der Nordsee? Papagei

In Aschaffenburg? — Wer ist ganz frei?

 

UdM 31.03.20

ACHTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Krankenhäuser und Arztpraxen verzeichneten weniger Patienten mit leichten Schlaganfällen und leichten Infarkten, ist zu lesen. Bei der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung vermute man, die Betroffenen scheuten den Besuch, weil sie befürchten, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken. Das sei falsch, lassen Krankenhausgesellschaft und Ärzteverbände verlauten. Die ausbleibende Behandlung sei gefährlich, das Infektionsrisiko bei einem Krankenhaus- oder Arztbesuch gering.

Notfallstationen von Krankenhäusern sind meist überfüllt, Wartezimmer bei Ärzten meist eng trotz reduzierter Sitzgelegenheiten, und Wartezimmer wird seiner Bezeichnung meist gerecht: Das Warten kann geraume Zeit dauern. Wenn trotzdem der Besuch in geschlossenen Räumen mit anderen Patienten als eher ungefährlich gilt, stellt sich die Frage, warum das längere Sitzen allein oder mit dem gebotenen Abstand zu einer weiteren Person auf einer Parkbank im Freien gefährlich sein soll und deshalb unzulässig.

Solche Widersprüche sind für die Bereitschaft der Bevölkerung, Verbote zu akzeptieren kontraproduktiv, denn wenn sich herausstellte, dass sich der Staat bei manchen Verboten lediglich als Spaßbremse betätigt, stünde es für die Akzeptanz des wirklich Wichtigen zunehmend schlecht. Bei Berliner Polizisten übrigens scheint die Bereitschaft, Menschen von Parkbänken aufzuscheuchen nicht sehr groß zu sein. Das ist sympathisch.

UdM 30.03.20

SIEBENTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Heute hatte ich zum ersten Mal Angst. Weniger vor Corona als vor Kanzleramtsminister Helge Braun. Die Älteren und Kranken werden ihre Kontakte deutlich länger reduzieren müssen, gab er in einem TAGESSPIEGEL-Interview zu Protokoll. Weiß der Mann, was er da tut? Er packt einer ganz erheblichen Bevölkerungsgruppe zur Angst vor dem Virus die Angst vor andauernder Isolation noch oben drauf

Denn was genau er meint, bleibt der Phantasie der Älteren und Kranken überlassen.

Es gibt in der Bundesrepublik achtzehn Millionen Menschen über fünfundsechzig, in Berlin allein etwa siebenhunderttausend, also gut ein Fünftel der Gesamtbevölkerung.

Ich gehöre dazu. Was erwartet mich also, wenn alle unter fünfundsechzig wieder ins Restaurant dürfen, auf der Caféterrasse sitzen, ins Warenhaus gehen, sich mit ihren Freundinnen und Freunden im Park treffen, in Urlaub fahren, um nur einiges zu nennen? Muss ich, müssen meine Altersgenossinnen- und genossen zu Hause bleiben?
Wenn das beabsichtigt ist, müssten die Alten dann nicht als solche gekennzeichnet werden, um Zuwiderhandlungen feststellen und ahnden zu können? Müsste man ihnen eine Chip einpflanzen, wie Haustieren? Da das, wie man jetzt bei dem Mangel an Coronatests sieht, eher Jahre dauern würde, wäre es dann einfacher die Älteren zum Tragen eines Aufnähers zu verpflichten, giftiggrüne Leuchtfarbe mit der Aufschrift ALT in Fraktur? Klingelt da was?

Wenn wir schon dabei sind: Dürften Alte nur noch in bestimmten Läden einkaufen, in denen es keinen Kontakt zur jüngeren Bevölkerung gibt? Dürften die Alte nur noch bestimmte Straßen benutzen? Würden die Alten aus dem Berufsleben entfernt, wenn die Gefahr des Kontakts mit Jüngeren besteht?

In meinem Kiez gibt es eine ganze Reihe von kleineren Läden, die von sogenannten Solo-Selbständigen betrieben werden, die zum Teil weit über fünfundsechzig sind. Mein Buchhändler zum Beispiel. Würden sie an ihren Schaufensterscheiben mit der Aufschrift KAUFT NICHT BEI ALTEN kenntlich gemacht?

Wird das Grundgesetz, das allen Bürgern gleiche Rechte garantiert, um den Artikel ‚Ausgenommen sind Alte, näheres regelt das Bundeskanzleramt’ erweitert?

Der Minister gibt als Voraussetzung für die Entlassung der Alten aus der Isolation das Vorhandensein eines Impfstoffs an: Wird für Alte eine allgemeine Impfpflicht eingeführt, die bisher in keinem Gesetz steht?

Der Kanzleramtsminister ist Arzt. Er hat über Herzrasen promiviert. Wenn er noch praktizierte, wäre ich heute sein Patient. Wünschenswert wäre, er würde keine schwammigen Drohungen aussprechen sondern besonders den Älteren, den ohnehin Einsamen, den Kranken, den Menschen mit Vorerkrankungen Mut machen.

UdM 29.03.20

SECHSTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

GIB JEMANDEM EIN AMT…

Vorm Eingang des Supermarkts an der Ecke steht jetzt ein junger Mann, der sonst Regale mit Waren befüllt und die Gänge fegt. Seine Aufgabe ist es, aus der Warteschlange vor dem Supermarkt den nächsten aus der Reihe herauszuwinken, wenn ein anderer Kunde den Laden verlässt, eine Aufgabe von überschaubarem Schwierigkeitsgrad. Der junge Mann winkt teils gönnerhaft, teils wedelt er ungeduldig mit der Hand, wenn etwa ein betagtes Mütterchen nicht sofort losspurtet.

Das ganze gemahnt ein wenig an die ungute Türstehersituation vor angesagten Clubs, mit dem Unterschied, dass die dort Wartenden die Schlange verlassen könnnen, wenn es ihnen zu dumm wird, die Kunden in der Supermarktwarteschlange hingegen nicht, denn sie stehen nach Lebensnotwendigem an.

Bedenklich wäre es, wenn Coronatürsteher an Supermarkttüren, um es Berlinisch zu sagen, nun glaubten, sie wären wer. Bedenklicher noch, die teils demütig Wartenden glaubten es auch.

UdM 28.03.20

THEMENWECHSEL

Wie geht es eigentlich jetzt mit den Flüchtlingen in Griechenland weiter?
Bis jetzt sind keine Corona Todesfälle bekannt!
H.R.

Fünfter TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Während der Kioskbetreiber das Wechselgeld von meinem Zeitungskauf zusammensucht, fällt mein Blick auf das Regal mit den diversen Vordrucken zum Zahlenlotto, dessen Annahmestelle eines der Nebengeschäfte des Kiosks ist. Wie die Menschen zu Zeiten von Corona denn Lotto spielten, möchte ich wissen, und gehe eigentlich davon aus, dass angesichts stark eingeschränkter Vergnügungen das Geschäft boomt. Tut es nicht. Der Kioskbetreiber schüttelt traurig den Kopf: Geschäft stark rückläufig.

Die amerikanische Verfassung garantiert das Recht auf Leben und auf Freiheit und enthält darüber hinaus etwas für europäische Verfassungstexte Ungewöhnliches: Das Streben nach Glück, The Persuit of Happiness, eine beinahe poetische Formulierung eines Staatsziels.

Im weiten Sinn gehört bei vielen Menschen Lottospielen zum ‚Streben nach Glück’, weil mit einem erhofften oder auch nur erträumten Gewinn, im normalen Leben unerfüllbar scheinende Wünsche erfüllt werden könnten.

Wenn sich das nun erkennbar viele Menschen versagen, ist das nicht nur bedauerlich für die Lottogesellschaften, die mit dem bei ihnen verbleibenden Anteil der Einsätze allerlei Gutes bewirken, es ist auch ein Hinweis auf den mentalen Zustand von Teilen der Gesellschaft und ein Appell, den in ihrer Lebensfreude Eingeschränkten ein positives Signal für die Zukunft zu geben, auch wenn es am fünften Tag der Ausgangssperre noch so verfrüht erscheinen mag.

 

UdM 27.03.20

VIERTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Savignyplatz. Zwei Herrn sitzen verbotenerweise auf einer Parkbank, jeder in einer Ecke, und da die Bank gute zwei Meter lang ist, wenigstens in korrektem Abstand von einander. Ein  Notarztwagen rast über die Kantstraße. Die Herren blicken ihm hinterher.

– Schlimm. Schon sechsunddreißigtausendfünfhundertacht Infizierte

– Siebenunddreißigtausend.

– Wo haben Sie die Zahl denn her?

– John Hopkins Universität.

– Ich halte mich an Robert Koch.

– Weil Sie Optimist sind?

– Weil ich einem deutschen Institut mehr vertraue als einer amerikanischen Universität.

– Amerika hat sehr gute Universitäten. Meine Nichte studiert da.

– Was hat denn das mit den Infizierten zu tun?

– Sie meinen wegen meiner Nichte?

– Ich meine die guten Universitäten in den USA. Wir haben hier in Deutschland auch sehr gute Universitäten.

– Aber die John Hopkins Universität in Boston –

– Die heißt übrigens Johns Hopkins. John mit einem s hinten dran.

– Das ändert ja nichts an der Qualität der Universität.

– Und sie liegt in Baltimore und nicht in Boston.

– Wenn Sie da so gut unterrichtet sind, warum zweifeln Sie dann deren Zahlen an?

– Weil ich mich frage, warum eine Universität in einer amerikanischen, übrigens sehr armen Stadt, genauer über unsere deutschen Infizierten informiert sein soll als Robert Koch.

– Was hat es denn mit der Qualität von Zahlen zu tun, dass eine Stadt arm ist? Und wenn wir schon genau sein wollen: Sie reden da immer von Robert Koch. Robert Koch ist vor geraumer Zeit verschieden.

– Ich sage Robert Koch, weil ich das Robert Koch Institut meine.

– Dann sagen Sie das doch auch. So, wie es sagen, könnte man meinen, Robert Koch lebt noch.

– Ich habe Sie für einen einigermaßen gebildeten Zeitgenossen gehalten.

– Wieso einigermaßen? Wie meinen Sie das?

– Ich meine, die Tatsache, dass Robert Koch nicht mehr lebt, sollte eigentlich jeder einigermaßen gebildete Mensch wissen. Ich meinte nicht Sie speziell. Berlin hat übrigens, Stand heute Nacht Null Uhr, tausendsechshundertsechsundfünfzig Infizierte. Nach Robert Koch Institut. Ihre US-Uni liegt wahrscheinlich wieder höher.

– Mag sein. Für Berlin habe ich keine genaue Zahl.

– Sollten Sie aber haben, als Berliner.

– Ich bin aus Dortmund.

– Ach! Sie haben gar keinen Akzent!

– Akzent?

– Na, so’n bisschen was Kohlenpöttisches. Schalke, oder FC ?

– Ich interessiere mich nicht für Fußball. Außerdem lebe ich seit dem zweiten Lebensjahr in Berlin.

– Dann sind Sie also doch Berliner. Haben Sie mal überlegt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei tausendsechshundertfünfzig Infizierten und bei fast vier Millionen Berlinern einem Infizierten zu begegnen. Das ist wie Lotto.

– Ich spiele nicht Lotto.

– Ich sehr selten. Aber ich gewinne nie. Und deshalb noch mal meine Frage nach der Wahrscheinlichkeit einem von den tausendsechshundertfünfzig Infizierten zu begegnen.

– Null.

– Wie null?

– Die gezählten Infizierten liegen entweder in Krankenhäusern oder sind in häuslicher Quarantäne. Sonst könnte man sie ja nicht zählen, und also können Sie ihnen wohl auch kaum begegnen.

– Moment, – wenn man Ihnen gar nicht begegnen kann, warum sitzen wir dann hier praktisch in Rufweite auseinander? Und woher kommen denn dann die Neuinfektionen?

– Von der Dunkelziffer. Die Dunkelziffer muss höher sein, als die Registrierten, sonst könnte es keine Neuinfektionen geben.

– Dann stimmt also weder die Zahl von Robert Koch, noch die aus Baltimore.

– Jetzt nicht mehr.

– Das heißt, wir beide sind Dunkelziffer.

– Sowohl nach, wenn es Ihnen so viel Freud macht John – S Hopkins, als auch nach Robert Koch Institut.

– Also weder die einen, noch die anderen haben im Augenblick einen Überblick.

– Vermutlich.

– Warum streiten wir dann überhaupt? Und trotzdem nochmal die Frage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei tausendsechshundertfünfzig plus Dunkelzifferinfizierten einem begegne.

– Sie denken, wenn ich das sagen darf, nicht logisch. Sie können, wie schon gesagt,  keinem registrierten Infizierten, sondern nur einem Angehörigen der Dunkelziffer begegnen.

– Das sind ja dann noch weniger.

– Weiß man’s? Es ist leider, wie Sie da nun wieder sehr richtig bemerkten, wie beim Lotto. Vielleicht begegnen Sie nie einem – und vielleicht bin ich schon Ihr Hauptgewinn.

– Sie haben einen ziemlich morbiden Humor. – Bleiben Sie gesund.

Der Herr steht mit diesen Worten schnell auf und entfernt sich zügig. Der andere ruft ihm hinterher.

– Sie auch !

UdM 26.03.20

DRITTER TAG DER CORONAAUSGANGSPERRE

Als ich als Vierter in der Warteschlange in den Obst- und Gemüseladen vorgelassen werde, wird gerade eine Metalloberfläche zur Warenablage aus einer durchsichtigen Plastikflasche besprüht und abgewischt. Er habe in Berlin kein Desinfektionsspray bekommen und es  sich deshalb aus der Türkei schicken lassen, berichtet der Händler. Das Produkt heiße, von Eau de Cologne abgeleitet, Kolonia, Betonung auf dem zweiten o, achtzig Prozent Alkohol erklärt er mit einem gewissen Stolz, und seine Benutzung sei in der Türkei etwas alltägliches. So sei es zum Beispiel zu Zeiten, in denen es vor den vornehmen Istanbuler Restaurants noch Türsteher gab, üblich gewesen, den Gästen vor Betreten des Lokals Kolonia anzubieten. Den Worten folgt die Demonstration: Mein Obst- und Gemüsehändler verwandelt sich in einen Istanbuler Restauranttürsteher. Er nimmt eine leicht gebeugte Haltung ein, lächelt mich überaus einladend an und fragt ‚Kolonia?’ Ich spiele mit, halte ihm meine Hände hin, sie werden mit Kolonia eingesprüht.

Nach Einkauf und Verlassen des Ladens schnuppere ich an meinen Händen. Ich könnte mir vorstellen, dass die vornehme Istanbuler Gesellschaft auf das Kolonia-Angebot des Türstehers vor dem Restaurantbesuch eher verzichtet hat.

Aber seien wir in Zeiten von Corona nicht wählerisch und einem freundlichen Angebot gegenüber nicht unhöflich: Es kommt nicht drauf an wie es riecht, sondern dass es hilft.

 

UdM 25.03.20

CORONA AUF DEM LAND

Im bis jetzt coronafreien Nordwesten Brandenburgs geht das Leben seinen Gang. Das Frühjahr kommt. Die landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten. Der Wochenmarkt findet statt. Keine Schlangen vor den Supermärkten. Alles da. Auch Klopapier. Nur die haltbare Milch wird knapp. Frische aus der Region gibt es, die kauft aber kaum jemand. Hält halt nicht so lange!
H.R.