Fünfter TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Während der Kioskbetreiber das Wechselgeld von meinem Zeitungskauf zusammensucht, fällt mein Blick auf das Regal mit den diversen Vordrucken zum Zahlenlotto, dessen Annahmestelle eines der Nebengeschäfte des Kiosks ist. Wie die Menschen zu Zeiten von Corona denn Lotto spielten, möchte ich wissen, und gehe eigentlich davon aus, dass angesichts stark eingeschränkter Vergnügungen das Geschäft boomt. Tut es nicht. Der Kioskbetreiber schüttelt traurig den Kopf: Geschäft stark rückläufig.

Die amerikanische Verfassung garantiert das Recht auf Leben und auf Freiheit und enthält darüber hinaus etwas für europäische Verfassungstexte Ungewöhnliches: Das Streben nach Glück, The Persuit of Happiness, eine beinahe poetische Formulierung eines Staatsziels.

Im weiten Sinn gehört bei vielen Menschen Lottospielen zum ‚Streben nach Glück’, weil mit einem erhofften oder auch nur erträumten Gewinn, im normalen Leben unerfüllbar scheinende Wünsche erfüllt werden könnten.

Wenn sich das nun erkennbar viele Menschen versagen, ist das nicht nur bedauerlich für die Lottogesellschaften, die mit dem bei ihnen verbleibenden Anteil der Einsätze allerlei Gutes bewirken, es ist auch ein Hinweis auf den mentalen Zustand von Teilen der Gesellschaft und ein Appell, den in ihrer Lebensfreude Eingeschränkten ein positives Signal für die Zukunft zu geben, auch wenn es am fünften Tag der Ausgangssperre noch so verfrüht erscheinen mag.

 

UdM 27.03.20

VIERTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Savignyplatz. Zwei Herrn sitzen verbotenerweise auf einer Parkbank, jeder in einer Ecke, und da die Bank gute zwei Meter lang ist, wenigstens in korrektem Abstand von einander. Ein  Notarztwagen rast über die Kantstraße. Die Herren blicken ihm hinterher.

– Schlimm. Schon sechsunddreißigtausendfünfhundertacht Infizierte

– Siebenunddreißigtausend.

– Wo haben Sie die Zahl denn her?

– John Hopkins Universität.

– Ich halte mich an Robert Koch.

– Weil Sie Optimist sind?

– Weil ich einem deutschen Institut mehr vertraue als einer amerikanischen Universität.

– Amerika hat sehr gute Universitäten. Meine Nichte studiert da.

– Was hat denn das mit den Infizierten zu tun?

– Sie meinen wegen meiner Nichte?

– Ich meine die guten Universitäten in den USA. Wir haben hier in Deutschland auch sehr gute Universitäten.

– Aber die John Hopkins Universität in Boston –

– Die heißt übrigens Johns Hopkins. John mit einem s hinten dran.

– Das ändert ja nichts an der Qualität der Universität.

– Und sie liegt in Baltimore und nicht in Boston.

– Wenn Sie da so gut unterrichtet sind, warum zweifeln Sie dann deren Zahlen an?

– Weil ich mich frage, warum eine Universität in einer amerikanischen, übrigens sehr armen Stadt, genauer über unsere deutschen Infizierten informiert sein soll als Robert Koch.

– Was hat es denn mit der Qualität von Zahlen zu tun, dass eine Stadt arm ist? Und wenn wir schon genau sein wollen: Sie reden da immer von Robert Koch. Robert Koch ist vor geraumer Zeit verschieden.

– Ich sage Robert Koch, weil ich das Robert Koch Institut meine.

– Dann sagen Sie das doch auch. So, wie es sagen, könnte man meinen, Robert Koch lebt noch.

– Ich habe Sie für einen einigermaßen gebildeten Zeitgenossen gehalten.

– Wieso einigermaßen? Wie meinen Sie das?

– Ich meine, die Tatsache, dass Robert Koch nicht mehr lebt, sollte eigentlich jeder einigermaßen gebildete Mensch wissen. Ich meinte nicht Sie speziell. Berlin hat übrigens, Stand heute Nacht Null Uhr, tausendsechshundertsechsundfünfzig Infizierte. Nach Robert Koch Institut. Ihre US-Uni liegt wahrscheinlich wieder höher.

– Mag sein. Für Berlin habe ich keine genaue Zahl.

– Sollten Sie aber haben, als Berliner.

– Ich bin aus Dortmund.

– Ach! Sie haben gar keinen Akzent!

– Akzent?

– Na, so’n bisschen was Kohlenpöttisches. Schalke, oder FC ?

– Ich interessiere mich nicht für Fußball. Außerdem lebe ich seit dem zweiten Lebensjahr in Berlin.

– Dann sind Sie also doch Berliner. Haben Sie mal überlegt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei tausendsechshundertfünfzig Infizierten und bei fast vier Millionen Berlinern einem Infizierten zu begegnen. Das ist wie Lotto.

– Ich spiele nicht Lotto.

– Ich sehr selten. Aber ich gewinne nie. Und deshalb noch mal meine Frage nach der Wahrscheinlichkeit einem von den tausendsechshundertfünfzig Infizierten zu begegnen.

– Null.

– Wie null?

– Die gezählten Infizierten liegen entweder in Krankenhäusern oder sind in häuslicher Quarantäne. Sonst könnte man sie ja nicht zählen, und also können Sie ihnen wohl auch kaum begegnen.

– Moment, – wenn man Ihnen gar nicht begegnen kann, warum sitzen wir dann hier praktisch in Rufweite auseinander? Und woher kommen denn dann die Neuinfektionen?

– Von der Dunkelziffer. Die Dunkelziffer muss höher sein, als die Registrierten, sonst könnte es keine Neuinfektionen geben.

– Dann stimmt also weder die Zahl von Robert Koch, noch die aus Baltimore.

– Jetzt nicht mehr.

– Das heißt, wir beide sind Dunkelziffer.

– Sowohl nach, wenn es Ihnen so viel Freud macht John – S Hopkins, als auch nach Robert Koch Institut.

– Also weder die einen, noch die anderen haben im Augenblick einen Überblick.

– Vermutlich.

– Warum streiten wir dann überhaupt? Und trotzdem nochmal die Frage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei tausendsechshundertfünfzig plus Dunkelzifferinfizierten einem begegne.

– Sie denken, wenn ich das sagen darf, nicht logisch. Sie können, wie schon gesagt,  keinem registrierten Infizierten, sondern nur einem Angehörigen der Dunkelziffer begegnen.

– Das sind ja dann noch weniger.

– Weiß man’s? Es ist leider, wie Sie da nun wieder sehr richtig bemerkten, wie beim Lotto. Vielleicht begegnen Sie nie einem – und vielleicht bin ich schon Ihr Hauptgewinn.

– Sie haben einen ziemlich morbiden Humor. – Bleiben Sie gesund.

Der Herr steht mit diesen Worten schnell auf und entfernt sich zügig. Der andere ruft ihm hinterher.

– Sie auch !

UdM 26.03.20

DRITTER TAG DER CORONAAUSGANGSPERRE

Als ich als Vierter in der Warteschlange in den Obst- und Gemüseladen vorgelassen werde, wird gerade eine Metalloberfläche zur Warenablage aus einer durchsichtigen Plastikflasche besprüht und abgewischt. Er habe in Berlin kein Desinfektionsspray bekommen und es  sich deshalb aus der Türkei schicken lassen, berichtet der Händler. Das Produkt heiße, von Eau de Cologne abgeleitet, Kolonia, Betonung auf dem zweiten o, achtzig Prozent Alkohol erklärt er mit einem gewissen Stolz, und seine Benutzung sei in der Türkei etwas alltägliches. So sei es zum Beispiel zu Zeiten, in denen es vor den vornehmen Istanbuler Restaurants noch Türsteher gab, üblich gewesen, den Gästen vor Betreten des Lokals Kolonia anzubieten. Den Worten folgt die Demonstration: Mein Obst- und Gemüsehändler verwandelt sich in einen Istanbuler Restauranttürsteher. Er nimmt eine leicht gebeugte Haltung ein, lächelt mich überaus einladend an und fragt ‚Kolonia?’ Ich spiele mit, halte ihm meine Hände hin, sie werden mit Kolonia eingesprüht.

Nach Einkauf und Verlassen des Ladens schnuppere ich an meinen Händen. Ich könnte mir vorstellen, dass die vornehme Istanbuler Gesellschaft auf das Kolonia-Angebot des Türstehers vor dem Restaurantbesuch eher verzichtet hat.

Aber seien wir in Zeiten von Corona nicht wählerisch und einem freundlichen Angebot gegenüber nicht unhöflich: Es kommt nicht drauf an wie es riecht, sondern dass es hilft.

 

UdM 25.03.20

CORONA AUF DEM LAND

Im bis jetzt coronafreien Nordwesten Brandenburgs geht das Leben seinen Gang. Das Frühjahr kommt. Die landwirtschaftlichen Betriebe arbeiten. Der Wochenmarkt findet statt. Keine Schlangen vor den Supermärkten. Alles da. Auch Klopapier. Nur die haltbare Milch wird knapp. Frische aus der Region gibt es, die kauft aber kaum jemand. Hält halt nicht so lange!
H.R.

ZWEITER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

‚Handlungen zur Versorgung und Betreuung von Tieren’ sind von der Ausgangssperre ausgenommen. Hiervon betroffen, besser begünstigt sind in diesen Tagen besonders die Hundehalter. Man kann sich vorstellen wie viel liebvoller der Fressnapf gefüllt wird, wissen Herrchen oder Frauchen doch, dass sich die Verhältnisse umgekehrt haben: Nicht sie gehen mit ihrem Hund Gassi, sondern der Hund mit dem ihnen, indem er ihnen den behördlich gestatten Freigang ermöglicht.

Loriot hat gesagt, ein Leben ohne Mops ist möglich aber sinnlos. Eine Erkenntnis, die sich in diesen Tagen in besonderem Maß bewahrheitet.Es ist nicht bekannt, ob der Hund ein Mops war, den im mit einer besonders strengen Ausgangssperre belegten Mailand jemand von seinem Balkon aus beobachtet hat; jedenfalls soll dieser Hund innerhalb von zwei Stunden elf verschiedene Herrchen und Frauchen ausgeführt haben. Sogar in Mailand gilt: Gassigehen ist erlaubt.

UdM 24.03.20

TAG EINS DER CORONAAUSGANGSSPERRE

War das ein Schock! Noch in beinahe heiterer Erinnerung an Angela Merkels Aufzählung der moderaten Einschränkungen unseres Lebens zunächst auf zwei Wochen begrenzt, vorgetragen in einem sanften landesmütterlichen Ton, und dann heute morgen, anfangs im Halbschlaf, beim Aufschlagen der Zeitung das böse Erwachen: Berlin macht den Söder. Offenbar waren die schärferen, in hässliche Verordnungssprache gepressten, von der Bundeslinie abweichenden Verschärfungen schon in der Behördenpipeline, und man mochte die schöne Vorarbeit nicht im Papierkorb versenken. Dennoch bleiben Fragen.

Söder nutzt auch die Coronaepidemie zur Profilierung als Kanzlerkandidat. Aber doch nicht etwa auch Bürgermeister Müller? Oder will er, der in seiner Amtszeit nicht eben als glanzvoller Stadtstaatenlenker aufgefallen ist, den Bayern zum Schluss seiner Karriere als besonders strenger Gefängnisdirektor überflügeln?

Dazu bräuchte es geeignetes und vor allem ausreichendes Personal. Daran dürfte es in dieser Stadt, in der beispielsweise Autos stundenlang unbehelligt von der Staatsgewalt im absoluten Halteverbot parken mangeln. Ordnungskräfte werden hier, in der Mitte Charlottenburgs nur selten gesichtet

Müllers Bevölkerungseinschluss war aber nicht der einzige Schreck am Virusmorgen. Im Deutschlandfunk, sonst eine Hörquelle sympathisch vernünftiger Meinungen, scheint die Furcht aufzukommen, in Zeiten von Klopapiermangelskandalen journalistisch ins Hintertreffen zu geraten: Moderator Heinlein gab sich redliche Mühe aus Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, herauszukitzeln, dass eine totale Ausgangssperre das Gebot der Stunde gewesen wäre. Schwesig blieb weich. Auch der nächste Versuch, einem Kollegen in Istanbul mit Blick in den Iran die Einachätzung zu entlocken, dass Corona doch hoffentlich das Ende des Mullaregimes bedeute, ging ins Leere, und auch der anschließend befragte Börsenspezialist war nicht bereit Heinleins Katastrophenwunsch zu erfüllen, nämlich den coroanbedingten Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems zu bestätigen. Trotzdem hat es mich tief betrübt. Aus meiner hoch geschätzten Informationsquelle scheint eine Art BILD-Zeitung auf Bütten mit Goldrand zu werden.

Die echte Springerpresse arbeitet selbstverständlich mit der dort üblichen Skandalkanone: Auf einem Aufsteller vor einem Zeitungsstand lese ich in fetten Lettern: ‚Berliner Fleischer bekommt kein Fleisch mehr’. Wirksamer kann man den Hamsterwettlauf auf die Fleischtheken der Supermärkte kaum provozieren, nachdem vielerorts die Matratzen gegen Klopapierrollen ausgetauscht und die Badewannen mit Nudelpackungen gefüllt sind, und somit nichts Coronahysterisches mehr hergeben.

Linkenpolitiker Dietmar Bartsch bemerkt unlängst, zugegeben etwas flapsig, die Virologen schienen sich genau so schnell zu vermehren wie die Viren. Das würde er heute vielleicht nicht mehr so sagen, denn die Lage ist ja wirklich ernst.

Ich schnappe mir jetzt für etwaige Kontrollen meinen Ausweis und hole mir trotz Müllerverbot am Savignyplatz einen Kaffee. Sollte mich wider Erwarten jemand kontrollieren, bin ich auf Recherche. Mal sehen, was passiert.

 

UdM 23.03.20

LEUTE

Zu meiner Lieblingslektüre in Tageszeitungen gehört die Rubrik LEUTE oder auch PERSONALIEN. Dort wird Wichtiges über Menschen berichtet, deren Bekanntheitsgrad sich zwischen mäßig prominent und Wer ist das? bewegt. Die Beiträge sind kurz, und mein Vergnügen besteht darin, sie weiter zu verkürzen, um sie auf ihre Kernaussage zu reduzieren.

Heute habe ich verkürzt: Ein Sonnenbrillendesigner findet den Sonnenbrillenbesitz eines TV-Jurors von fünfhundert Exemplaren übertrieben. Ein Fernsehmoderator hat seinen Vater erst spät richtig kennengelernt. Ein britischer Schauspieler hat sechs Monate lang keine Pornos geschaut. Eine US-Schauspielerin ist mit ihrem Mann zusammengezogen. Der Minivan eines Basketballspielers ist von dessen Teamkameraden mit einem Truck aus dem Schlamm gezogen worden. Ein Bestsellerautor verrät, dass seine Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln.

Ein Blogger (ich) war heute Morgen im Supermarkt. Es gab Linsen. Das, Leute, wäre wirklich eine Meldung!

 

UdM  17.03.20

ALTERSPYRAMIDE

Vor einem Café treffen sich zwei ältere Frauen.
Wo kommst Du denn her?
Aus der Apotheke.
Hast Du Dir nen Mundschutz gekauft?
Nee, Hustenbonbons!
Sind die auch gut gegen Corona?
Nee, aber gegen Husten!
Mein Mann sagt, ist alles von langer Hand geplant.
Aha!
Ist wegen der Überalterung.
Aha!
Aber die werden sich wundern. Wir Alten sind zäh!!
H.R.

ANANAS UND SO…

Wie man liest und zum Teil auch sehen kann, scheinen die coronabesorgten Hamsterkäufer/innen besonders den Mangel an Toilettenpapier und Dosenananas zu fürchten. Beides muss mit einem historischen Reflex zu tun haben, nämlich der Erinnerung an Nachkriegszeiten in denen beides, also Toilettenpapier und Dosenananas zu den Raritäten des Alltags gehörten. Das ist umso erstaunlicher, als nur noch eine geringe Zahl von Zeitzeugen der toilettenpapierarmen Epoche unter den Hamsterern am Leben sein dürfte. Die Erfahrung des Mangels muss also auf lebendige Weise an folgende Generationen weitergegeben worden sein.

Für potenzielle Hamsterer, die weder in der Nachkriegszeit das Problem des befriedigenden Abschlusses eines Toilettenaufenthalts hatten, noch eine kompetente und glaubwürdige Oma oder einen solchen Opa, eine knappe Schilderung der toilettenpapierlosen Zeit: Wer kein anderes Papier zur Hand hatte, griff zur Tageszeitung. Aus einer Doppelseite ließen sich sechzehn Blätter, entsprechend etwa der heute üblichen Größe eines Toilettenpapiers schneiden oder reißen. Diese handlichen Blätter wurden auf ein sehr sinnreiches an der WC-Wand befestigtes Drahtgestell an einer ihrer Ecken aufgespießt und konnten bei Bedarf mühelos abgerissen werden.

Beliebt waren Stücke mit wenig Text, also wenig Druckerschwärze, besonders unbeliebt solche mit Bildern, also mit viel Druckerschwärze, letzteres nicht bei systemkritischen Bürgern der ehemaligen DDR, wenn es sich um die üblicherweise täglich dort abgebildeten Mitglieder des Zentralkommitees besser noch des Staatsratsvorsitzenden handelte, eine recht sichere Methode, seiner politischen Meinung gefahrlos Ausdruck zu verleihen.

Sollte es tatsächlich einmal zu Engpässen beim Toilettenpapier kommen, ist die Umstellung auf Zeitungspapier sehr einfach wieder zu beleben. Vielleicht werden die dazu benötigten Drahtaufhängungen demnächst bei der erfolgreichen Sendung ‚Bares für Rares’ angeboten.

Nun zu etwas weniger Drückendem: Dosenananas. Es ist kein Geheimnis, dass die Vereinigten Staaten die Welt bis heute, also auch unter ihrem Chefverkäufer Trump, als großen Absatzmarkt verstehen. So kam, noch ehe das Nachkriegsland wieder ausreichend mit Toilettenpapier versorgt war, das Dosenobst in die Regale der Lebensmittelgeschäfte (für die Jüngeren: Vorläufer des Supermarkts).

Die Zeichen des Fortschritts in Sachen Kochkunst bei beschränktem Angebot erkannte als einer der ersten der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der den verbliebenen Zeitzeugen noch in Erinnerung sein dürfte. Wilmenrod erfand den ‚Toast Hawai’. Er schuf in einer nie wieder erreichten Verbreitung die Synthese von vorhandenen Lebensmitteln mit einem Sehnsuchtsort.

Hier für alle Hamsterer und solche, die es noch nicht sind, das Rezept: Man nehme eine Scheibe getoastetes Weißbrot, bestreiche sie mit Butter (damals auch Sanella), lege eine quadratische Scheibe abgepackten Schmelzkäse darauf, hierauf eine Scheibe Dosenananas, in das Loch der Ananasscheibe eine Maraschinokirsche. Fertig.

Wer diese so einfach und schnell herzustellende Köstlichkeit genossen hat, macht sich für eine gute Weile über den obigen Teil dieser Ausführungen keine Gedanken und nimmt vielleicht sogar Abstand von unnötigen Hamsterkäufen.

 

UdM  04.03.20

TV -ERSCHEINUNGEN

Der englische Fernsehkommissar Fitz war der erste mit Erscheinungen, an den ich mich erinnere. Ihm erschien seine bei einem Sprengstoffattentat umgekommene Ehefrau, zwar nicht in Person, aber in rückerinnerndem Aufscheinen der Explosion, der sie zum Opfer fiel. Seither haben die Erscheinungen auch bei deutschen Fernsehkommissarinnen und -kommissaren erheblich zugenommen. Einigen erscheinen die Gemeuchelten als Wiedergänger in den Situationen, die ihnen zum Verhängnis wurden und tragen so zur Aufklärung ihres gewaltsamen Todes bei. Anderen Kommissarinnen und Kommissaren erscheinen unfreiwillig dahingegangene Familienangehörige, Ehemänner und Ehefrauen, geliebte Kolleginnen und Kollegen, Kinder, häufig auch, eher bei Kommissarinnen, verblichene, bewunderte Väter, die ehemals Kommissare waren und, wenn die Ermittlungen stocken, aus dem Jenseits aufgetaucht, mit der Tochter auf einer Parkbank sitzend, mit Rat zur Seite stehen.

Besonders anrührend sind diese Erscheinungen, wenn sich die Kommissarin oder der Kommissar am Tod der geliebten Person schuldig, zumindest aber mitschuldig fühlt. Das gibt ihr oder ihm die Möglichkeit neben dem routinierten Handwerk Gefühle zu zeigen, meist zum Depressiven neigend, was beim Zuschauer mitleiderregenden Medikamentenmissbrauch oder schweren Alkoholismus oder beides rechtfertigt.

Gestern Abend hatte eine Kommissarin sogar eine Vision: Sie sah eine an ihr später begangene Untat ziemlich präzise als Erscheinung voraus, eine weitere Dimension, die für die Zukunft des Genres neugierig macht.

Denn die Erscheinung als Phänomen im Fernsehkrimi ist noch keineswegs ausgereizt. Wie wäre es zum Beispiel mit Erscheinungen ehemaliger beliebter Fernsehkommissare? Wäre es nicht schön, weil mit den heutigen technischen Möglichkeiten durchaus machbar, wenn bei einem der allgegenwärtigen Temperamentsausbrüche des bayrischen Kommissars Batic plötzlich der sanfte Erik Ode erschiene und sagte ‚Leitmayerchen, bring uns doch erst mal einen Kaffee.’ Oder wenn bei Lena Odenthals verbissenem Dauerlauf auf einem Deich der Kaiserslauterner Hafenanlagen das erwartbare Handy mit der erwartbaren Leiche klingelt, sich Odenthal im für die Tatortbesichtigung ungeeigneten Outfit verärgert umsähe und da Horst Tappert erschiene und freundlich anböte ,Lena, ich hol schon mal den Wagen.’

Oder noch anders: Die Kölner Kommissare Freddy Schenk und Max Ballauf stehen an der Imbissbude mit Blick auf den nächtlichen Rhein. Und weil Max mal wieder mit halb offenem Mund in die Nacht starrt, fragt Freddy ‚Is’ was, Max?’, und Ballauf antwortet ,ich weiß jetzt wer der nächste Kanzler wird!’. ‚Willst Du mich verarschen?!’ raunzt Freddy dann in seiner liebevoll-ruppigen Art’. ,Nein!’, ruft Ballauf und zeigt auf den Rhein, ‚ich werde das!’ Da erscheint über den Wassern Klaus J. Behrendt als Bundeskanzler aus der Fernsehserie ‚Kanzleramt’, und das wäre dann eine Option die bisher noch niemand auf dem Schirm hatte.

 

UdM 17.02.20