Hundetagebuch 20

Lieber Hansjürgen,

da Emma, trotz liebevoller Weihnachtsgeschenke ( ein weiteres Plüschtier zum Zerkauen, ein neuer Stinkeknochen ) eher frustriert gewesen sein dürfte, weil man ihr, um nur zwei Beispiele zu nennen, das Zerfetzen von ausgewickeltem Einwickelpapier der Kinder- und Elterngeschenke verweigerte und weil man sie auch daran hinderte, sich anläßlich unseres traditionellen Schmalzstullen – Neujahrsempfangs in der Uckermark die für Kinder vorgesehenen Würstchen vom Tisch zu fischen, war das Treffen mit Mika für sie ohne Zweifel das Highlight der Festtage.

Wie nicht anders zu erwarten, ruhte Emma nach den wilden Verfolgungsjagden mit Mika, von einer Unterbrechung zum Trinken und zur Trockenfutteraufnahme abgesehen, bis zum nächsten Morgen.

Dann war sie wieder quicklebendig und ging zwei morgendlichen Lieblingsbeschäftigungen nach. Die eine: Aus einem alten, scheußlichen übergroßen Rummelplatzgewinnteddy die Wolle herauszupfen, die zweite : Mit Fliegen spielen.

Mir ist klar, dass, was ich nun beschreibe, Fliegenschützer auf den Plan rufen würde, kämen unsere Tagebuchseiten jemals in die Öffentlichkeit. Vielleicht sollte ich schon gleich betonen, dass es sich bei Emmas Spielfliegen um bereits etwas müde Fliegen handelt, die den Weg durch Fensterritzen in unser Haus finden. Wenn Emma eine von ihnen entdeckt, schleicht sie sich vorsichtig an. Fliegt die Fliege ein wenig weg, erhält sie bei der Landung einen kleinen Pfotenhieb, der das für alle Zukunft verhindert. Dann nimmt Emma die Fliege sehr behutsam zwischen die Lippen. ( Erst durch Emma habe ich gelernt, dass kleine Hunde Lippen haben. ) Nun wirft Emma die Fliege mit einer graziösen Kopfbewegung in die Luft, damit sie erneut ein wenig fliegt. Tut sie das nicht, ist Emma enttäuscht und wiederholt den Vorgang. Bleibt die Fliege erneut liegen, ohne sich zu rühren, wird mit der Pfote nachgeholfen. Im Allgemeinen war’s das dann für die Fliege. Mit Fliegen, die sich von vornherein, nicht bewegen, wird ebenso verfahren. Am schönsten aber ist es für Emma, wenn die Fliege ein paar Mal wegfliegt und sich wieder fangen läßt. An Emmas Freude sieht man dann, dass sie keine Fliegenquälerin ist, sondern lediglich einen Spielkameraden sucht. Am Ende wird die Fliege allerdings vertilgt. So hält es Emma auch mit Mäusen. Auf einem unserer letzten Waldspaziergänge in der Uckermark gelang es ihr zum Entsetzen der Kinder eine Maus nicht nur zu fangen sondern auch zu fressen. Danach war ihr wohl ziemlich schlecht, denn sie betrat, ganz gegen ihre Gewohnheit das Haus nicht mehr, sondern lag mit leidendem Blick eine gute Stunde im Wintergarten.

Leider betrachtet Emma unsere jüngere Tochter ebenfalls gelegentlich als eine Art Spielkameraden, wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn sie das nicht mit den spielerischen Beißereien täte, die wir bei Emma und Mika ausgiebig beobachten konnten. Unser Kind bekommt es dann mit der Angst, wendet Emma den Rücken zu und flüchtet. Das ist das Signal ‚Bitte aufhören‘. Für Emma hingegen ‚Jetzt geht’s erst richtig los.‘ Wir arbeiten noch an einer für beide Seiten befriedigenden Lösung.

Außer mit dem Hund spazieren zu gehen und ihn zu beobachten, habe ich gelesen. Eines der Bücher heißt ‚Ein Sommer in Baden – Baden‘, eine Art Dokufiktion, in der sich ein russischer Schriftsteller namens Alexander Lyskin mit einer Deutschlandreise von Dostojewsky und seiner jungen Frau Anna beschäftigt. Der Autor beschreibt ausführlich die quälende und ruinöse Spielsucht des großen Meisters und die innige, verzeihende Liebe seiner Frau. Originell und tragisch zugleich ist die Tatsache, dass Lyskin, der die UDSSR trotz vieler Eingaben nie verlassen durfte, überaus lebendig ein Baden – Baden beschreibt, das auch zu Dostojewskys Zeiten nicht so ausgesehen haben dürfte. Entweder stützt der Biograph sich auf einen schlechten Reiseführer oder die Beschreibung eines Menschen, der ebenfalls nie dort war. Die Lektüre des Buchs war dennoch lohnend.

Allerdings kommt kein Hunde darin vor.

Ich betone das deshalb, weil ich, seit wir Emma haben, versuche, mich zu erinnern, in welchen von mir gelesenen Büchern Hunde vorkommen.

Wenn ich ‚Faust‘ außen vor lasse, der nicht wirklich unter die Belletristik zählt, und wo der Pudel ja auch kein richtiger Hund ist, sondern Mephisto, hat sich mir nur der Hund in John Irvings‚ Die vierte Hand‘, ein fäkalfressender Retriever, eingeprägt und der schwarze Hund des ‚Jakobswegs‘ unseres Mystikers des gebildeten Mittelstands Paolo Coelho. Allerdings ist auch dieser Hund, so wir er sich verhält, wohl eher als eine Metapher für Sinnsucher zu verstehen.

Vielleicht gibt es aber bei Irving noch Hunde in anderen Romanen, die mir – noch ohne Emma – nicht aufgefallen sind. Dasselbe mag für andere Werke gelten, die ich als hundelos in Erinnerung habe. Jedenfalls schiene es mir eine interessante Aufgabe, einen Essay zum Thema ‚Der Hund in der Deutschen Literatur‘ zu schreiben. Vielleicht gibt es ihn aber längst. Ich werde im Internet recherchieren.

Nach Berlin zurückgekehrt müssen bei Emma in Bezug auf Stubenreinheit eine Reihe Welpenückfälle registriert werden. Wir sind alle der Meinung, dass sie nichts dafür kann. In der Uckermark war das Leben regelmäßig. Nachtruhe von 23 bis 9 Uhr. Ein Gang in den Garten davor, ein weiterer danach. Regelmäßige Mahlzeiten, ausgiebige Spaziergänge, Bewegung im Garten jederzeit, aufforderndes Vor-die-Tür-Setzen genügte.

Nun also wieder morgendliche Hektik, Kinderwecken, Schulbrote schmieren, Kinder zur Schule bringen, Aufbruch ins Büro. Laute Straßen, viele andere Hunde, noch mehr Menschen….Trotz Bemühung, Emma gerecht zu werden, kein Vergleich mit der Uckermark.

Lediglich die Gaststättenbesuche klappen nach wie vor problemlos. Emma scheint sie sogar zu mögen, denn es zieht sie auch zu Türen von Kneipen, die zu betreten wir nicht die Absicht haben.

Wir hoffen, dass sich für Emma auch in der Hektik wieder eine Struktur ergibt, die uns ihren Wunsch nach Ablage außerhalb der Wohnung erkennen läßt.

Eben kommt sie in mein Büro gedackelt, etwas müde heute. Vielleicht, weil sie gestern mit der Hundesitterin und vielen Kollegen im Wald getobt hat. Vielleicht ahnt sie aber auch wegen des anhaltend unnatürlich warmen Januarwetters die Klimakatastrophe voraus und ist traurig.

Wie geht es Mika ?

Bis bald.

Dein Ulrich

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