Selbstverschuldete Unmündigkeit

Heute wurde mir einmal mehr bewusst, wie wichtig es ist, bei Zeitungsartikeln auf Dinge zu achten, die vordergründig gar nicht Thema des Autors sind. Es geht im besagten Artikel um ein Projekt, Paketempfängern den Weg zur Post zu ersparen, wenn sie bei der Anlieferung durch den Paketdienst nicht zu Hause sind, obwohl sie zu Hause sind.

Damit sind die Fälle gemeint, in denen ein erschöpfter Paketbote die Abholungsbenachrichtigung gleich in den Briefkasten wirft, weil er weiß, dass ein Briefkasten im Parterre bequemer ist, als ein Empfänger in der vierten Etage. Da dies häufiger der Fall zu sein scheint, also die geniale Idee, um die es eigentlich in dem Artikel geht: Der Paketbote hat – über eine im Auto des Empfängers installiert Box – elektronisch Zugang zum Kofferraum und deponiert dort das Postgut, wo es der Adressat bequem abholen kann. Wir wollen hier außer acht lassen, wie abwegig dieser Plan scheint, angesichts der Parkraumnot in Innenstädten, wo das Auto häufig viele hundert Meter vom Wohnort des Autobesitzers entfernt endlich eine Parklücke gefunden hat. Da hätte so ein Paketbote mehr zu suchen, als derzeit mit einer Hausadresse.

Nun ist der Schreiber dieser Zeilen nicht technikfeindlich sondern technikkritisch. Er weiß natürlich: vieles ist möglich, was sich ein schlichtes Hirn jetzt noch nicht vorstellen kann. Als die ersten Spinner vor hundert Jahren mit einer Art fliegendem Gartenstuhl zehn Meter in die Höhe stiegen, hätte niemand geglaubt, dass man mal für 29 Euro nach Malle jetten kann. Wer weiß also, was Autobesitzer demnächst alles in ihren Kofferräumen vorfinden werden.

Stutzig gemacht hat mich in dem Paket-im Kofferraum-Artikel etwas anderes. Da steht zu lesen, den Zugriff zum Kofferraum könne nur der Fahrzeughersteller freigeben, der würde sich das sicher bezahlen lassen, denn er habe die Hoheit über die Elektronik des Fahrzeugs.

Hallo?!!’ ,Geht’s noch?!’, ist man versucht in jugendlicher Empörung auszurufen: Ich kaufe ein Auto, aber die Hoheit behält der Hersteller?! Hoheit! Das klingt nach verdammt viel mehr als Eigentum. Es klingt nach vergangenen Zeiten des Feudalismus. Nach Leibeigenschaft. Der Hersteller kassiert dafür, was mit meinem Auto, außer dass ich damit fahren darf, so alles passiert. Moderne Fahrzeuge seien nämlich vernetzt, lese ich, ständig online und damit auch dem ständigen Zugriff des Herstellers unterstellt.

Das ist der Moment, in dem ich zwar nicht technikfeindlich aber technikzornig werde. Es ist schon ärgerlich genug, dass mein Auto mich im Tachodisplay auf einen anstehenden Wartungsdienst hinweist, als sei ich zu dämlich mir eine Kilometerzahl zu merken, zu der das fällig ist, und nein, lieber Leser, dabei handelt es sich nicht um einen Service, sondern um eine Form der Entmündigung mit dem Ziel ja nicht zu vergessen, der Vertragswerkstatt zum erwarteten Umsatz zu verhelfen. Der Autokäufer soll hilflos gemacht werden, soll Selbstverständliches verlernen, damit andere mit seiner Hilflosigkeit Geschäfte machen können.

Mein Auto ist allerdings so alt, dass es noch nicht zu den dauerhaft online Vernetzten gehört. Was mache ich aber, wenn der TÜV mal den Daumen senkt? Ist dann der Wagen fällig, den ich dann zwar besitze, aber über den ich keine Hoheit mehr habe? Ist das dann der Wagen, der mich zwingt bei einer Mittagspause auf der Fahrt nach Soundso im ‚Falschen Hasen’, der Vertragsgaststätte meines Autoherstellers, zu speisen, obwohl ich den ‚Flotten Löffel’, wegen seiner guten Rouladen vorziehen würde? Wird, wenn ich zuwider handle, ferngelenkt der Motor abgestellt, bis ich mich dem Diktat beuge? Ist das der Wagen, mit dem ich nach Hindelang zum Bergwandern fahren möchte, der mir aber mit einer dieser penetranten Tantenstimmen mitteilt: ‚Heute fahren Sie nach Zinnowitz an die Ostsee, es sei denn, Sie ziehen umgehend bergtaugliche neue Reifen in unserer Vertragswerkstatt auf.’ Oder: ‚Sie stellen Ihr Auto jetzt nicht in die Garage, Sie erhalten um 21Uhr18 eine Werbesendung Ihres Fahrzeugherstellers in den Kofferraum geliefert.’

Schlimm genug, dass Google und Co die Hoheit über mein Handy haben, ich will keine Armbanduhr, die mich zwingt, alles stehen und liegen zu lassen und umgehend zehn Kniebeugen zu machen, und ich will kein Auto, dass mich in die Zeit der Unmündigkeit vor der Aufklärung zurückkatapultiert, in die Zeit vor Zweihundertfünfzig Jahren, als Immanuel Kant formulierte ‚Unmündigkeit ist die Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.’

Ich werde mein altes Auto, über das ich die Hoheit habe so lange fahren, wie es irgend geht, koste es was es wolle, ich werde eines Tages ein Nummernschild mit einem H für historisch bekommen, mein Auto wird am Straßenrand stehen, umstaunt von kleinen Jungs zwischen acht bis achtzig, von denen mir einige anerkennend auf die Schulter klopfen werden.

Und wenn es gar nicht mehr geht, werde ich versuchen ein anderes altes Auto zu finden, und vielleicht mache ich sogar einen Gebrauchtwagenhandel für ‚Altautos mit garantierter eigener Hoheit’ auf.

Und natürlich werde ich nie eine Paketlieferung in meinem Kofferraum vorfinden.

UdM

1 Response

  1. Ich stelle mir schon die nächste Aktion der Bild-Zeitung vor: „Mein Kofferraum gehört mir – Prominente bekennen sich!“ Neuwagen werden als Sondermodell ohne fremdbestimmbaren Kofferraum angeboten. Auf Wunsch auch ohne Servolenkung und elektrisch versenkbare Scheibenwischer. Endlich neue Marktchancen für Oldtimer aus ehemals sowjetischer Produktion. Der Trabi wird neu aufgelegt. Im Ernst: Wo eine Software ist, ist ein Weg sie umzuprogrammieren (sogar, siehe VW, sie zu manipulieren).

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