Hundetagebuch 21

Lieber Hansjürgen,

eben komme ich aus einem Hundegeschäft – das klingt missverständlich – also : ich komme eben aus einem Geschäft, das sich schwerpunktmäßig dem Hunde widmet, und wo ich eine sogenannte Schleppleine kaufen wollte. ‚Wie lang ?!, fragte der typisch berlinisch besserwisserische Inhaber mit dem immer leicht aggressiven Unterton.

 

Auf meine Frage, was denn zur Auswahl stehe, erfuhr ich, Schleppleinen gebe es in fünf und zehn Meter Länge. Mir wurden beide Exemplare gezeigt, das mit zehn Meter Länge mit dem drohenden Kommentar: ‚Det is denn aber schon ‘n janz schönet Paket !‘ Damit war es dem Mann bereits gelungen, mich unsicher zu machen. Fünf Meter ? Zehn Meter ? Ich versuchte Zeit zu gewinnen. ‚Wozu würden Sie mir denn raten ?‘

Falsche Frage. Der Mann blickte noch grimmiger. ‚Wat woll’n Se denn damit machen?‘ Ich erklärte, dass G. und ich uns vorstellten, dass unser Hund in Wäldern mit Leinenzwang ( es gibt fast nur solche ) etwas mehr Auslauf haben würde.

Der Mann zuckte wortlos mit den Schultern. Entweder, das Vorhaben schien ihm so abwegig, dass es keinen Kommentar verdiente, oder er enthielt sich der Stimme, um ein mögliches Geschäft nicht zu gefährden. Jedenfalls wurde ich noch unsicherer. Offensichtlich war eine derartige Leine nicht das Gerät der Wahl für unser Vorhaben. Plötzlich konnte ich mich auch nicht erinnern jemals einen Hund an einer derart langen Leine im Wald gesehen zu haben. In weiteren blitzartige Überlegungen sah ich mich dann hinter einer Zehnmeterleine im Unterholz um Büsche und Bäume herum rennen und schließlich mich und Emma vollkommen ineinander und in Buschwerk verheddert aus Verknotungen befreien.

Ich wandte mich vom Schleppleinenregal ab ( für irgendetwas müssen die Dinger aber doch taugen ) und entschied mich schließlich für eines jener Geräte, aus denen, ähnlich einem Rollmaßband, eine Leine hervorkommt, die länger als Emmas jetzige ist. Eigentlich war ich fest entschlossen, eine solche Leine nie zu kaufen, weil sie von älteren Damen bevorzugt wird, die ihre Winzterrier daran auf- und abspulen, ohne den eigenen Weg verlassen zu müssen. So geraten diese Leinen, wenn Frauchen am Haus entlang geht und das Hündchen von Straßenbaum zu Straßenbaum zu Straßensperren.

Ich entschied mich trotzdem zum Kauf. Mehr aus Neugier, ob man damit auch umgehen kann, ohne für seine Mitbürger zur Stolperfalle zu werden.

Auf meine besorgte Frage ( sie speist sich aus der Erfahrung, dass der Aufrollmechanismus von Staubsaugerkabeln schon nach kurzer Zeit nicht mehr überzeugend funktioniert ) , ob der Hundeleinenaufroller, denn zuverlässig seinen Dienst tue, erhielt ich zur Antwort: ‚Kommt janz drauf an, wieviel Sand Sie da drin haben.‘ Ich muss sehr töricht geblickt habe, denn diesmal erfuhr ich als Ergänzung: ‚Die Leine liecht doch andauernd im Dreck. Und wenn jenuch Sand in der Feder is‘, jeht se nich mehr.‘ Das war einleuchtend. Man muss die Leine also ständig von Sand freihalten.

Ich werde berichten, ob sich diese – fünf Meter lange – Leine auf Waldspaziergängen bewährt.

Während der Hundeladeninhaber Wechselgeld suchte ( Ich war der erste Kunde; wie grummelig wird der Mann am Abend sein ? ), entdeckte ich ein Regal mit Hundekörben, -sofas, -liegen und dergleichen. Da Emma ihren Korb noch zernagt und er ihr deshalb weggenommen werden mußte, interessierte ich mich für eine Art Sofa. Um mein Interesse nicht als indiskrete Neugier, sondern wenn auch nicht sofortige Kaufbereitschaft darzustellen, erwähnte ich murmelnd : ‚Unser Hund legt sich gern immer wieder auf Sofas und Betten, – aber seine Decke sollte es eigentlich auch tun, die ist weich genug.‘

Schon schnappte die Belehrungsfalle wieder zu: ‚Det tut der aber nich‘ weil’s weich is‘, sondern wejen Dominanz. Der will auf Augenhöhe sein.‘

Nun hätte ich ja schnell einwenden können, dass Emma ein nettes Hundemädchen ist, aber vermutlich hätte der Mann auch dafür eine Belehrung parat gehabt. Vielleicht sogar eine frauenfeindliche.

Immerhin war der Hinweis nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn ich Emma auf einem unserer Sitzmöbel oder auf dem Bett erwische, starrt sie mich ausgesprochen herausfordernd an. Dem Befehl, den Dominanzort zu verlassen folgt sie zwar umgehend, ist dann aber entweder eine Weile muksch oder widmet sich mit ihren spitzen Milchzähnen einem ebenso verbotenen Schuh.

Als ich den Laden verließ kreuzte sich mein Weg mit einer Kundin, die ähnlich unsicher aussah wie ich. Ich vermied es, zurückzublicken. Ich wollte den Gesichtsausdruck nicht sehen, mit dem der Hundeartikelhändler sein neues Opfer erwartete.

Vielleicht sollten wir später einmal ein Hundeartikelgeschäft eröffnen, mit zwei ganz netten älteren Verkäufern. Das sind dann wir. Immer vorausgesetzt, dass bis dahin, nachdem Hundespaziergänge am Schlachtensee nun unter Strafe gestellt werden sollen, Hundehaltung nicht ganz und gar gesetzlich verboten ist.

Dein Ulrich

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