Hundetagebuch 22

Lieber Ulrich,

als ich den USA in New York studierte, hatte ich im Laufe von zwei Semestern vier verschiedene Zimmergenossen, „room mates“. Der erste, ein ausgesprochen attraktiver allerdings ebenso dümmlicher Weiberheld, war trotz seiner mentalen Defekte ausgesprochen hilfsbereit. Als er mich einige Male beobachtet hatte, wie ich beim Auswählen von Gerichten in der Cafeteria aus einer, für damalige deutsche Verhältnisse geradezu unüberschaubaren Angebotsvielfalt, in durch Hilflosigkeit verursachte Immobilität fiel, klopfte er mir freundlich auf die Schulter und flüsterte mir ins Ohr: „If you don’t know what to do, just ask!“

Womit ich endlich bei Deinen Einkaufserlebnissen im Spezialhandel angekommen bin. Du hättest nämlich nicht den Verkäufer – schon gar nicht einen Verkäufer der alten Berliner Schule – fragen sollen, sondern entweder Eure Hundesitterin, erfahrenere Hundeliebhaber oder Deinen Hundebrieffreund, also mich. Zehn Meter ist gar kein Problem, schließlich musst nicht Du die Leine schleppen, sondern das Energiebündel namens Emma.

Außerdem hast Du mit der Leine, die sich viel weniger verheddert als ein herkömmliche, nur dann etwas zu tun, wenn dein Hund weglaufen will, sich gefährlich wirkende andere Artgenossen, schreckhafte Jogger oder Kleinkinder nähern. Dann trittst Du kurz auf das Ende der Leine – oder ergreifst es – um Emma unter Kontrolle und in Deine Nähe zu bringen. Das habe ich mit unserem Hundetrainer geübt, wir haben es am Sonntag alleine nachgemacht und es funktioniert. Aber Du hast Dich ja nun für die Oma-Leine entschieden, die Du fortan nach jedem Gebrauch entsanden darfst – viel Vergnügen dabei. Machst Du ja doch nicht, weil Du vermutlich eher eine neue kaufst, wenn der Aufrollmechanismus tatsächlich mal klemmen sollte. Bitte sag mir, wo dieser Verkäufer tätig ist, wir müssen die Menschheit vor ihm warnen und unsere Hunde vor seinem Laden ablegen lassen!

Wir haben derweil andere Hundesorgen. Nachdem Mika wegen der Beerdigung, gemeinsam mit Emma, zwei Nächte bei Frau Sadlo untergebracht war, kam sie nahezu apathisch zurück. Übrigens war Mika, deren Foto von meiner Mutter vor dem Eintreffen der Trauergäste in die familiäre Bildergalerie eingereiht wurde, auch als Abwesende präsent. Beim Nach-Begräbnis-Empfang (vulgo „Leichenschmaus“) entstand schnell eine Konversation über unser „Hündchen“, andere Hunde, wurdenvon Hundeerlebnissen berichtet, stellte sich heraus, dass auch mein Vater einmal einen Hund hatte. Jedenfalls, wie das so bei Beerdigungen ist, du triffst viele Menschen wieder, die du Jahrzehnte lang nicht mehr gesehen hast, zum Teil auch nicht sehen wolltest, und stellst fest, wie alt die Anderen geworden sind.

Zurück in Berlin, übernahm D. gemeinsam mit Dir das Uckermärkische Geschwisterpaar und beglückte mich mit der Nachricht, Mika habe in der vergangenen Nacht drei Mal gekotzt. Die Ursache könnten 1. der Verzehr von Wildschweinkot, 2. zu viel Action, 3. Trauer über unser Verschwinden sein. Was immer es war, allmählich ist wieder Normalität eingekehrt, die Stuhlverstopfung überwunden und es wird auch wieder gefressen. Wahrscheinlich war es ein durch Trauer ausgelöster Schwächezustand in Kombination mit einem Virus. Auf jeden Fall ist sie auch heute, drei Tage später, noch immer erheblich schlafbedürftiger als vorher. Du wirst es sicher richtig verstehen – und nicht als herzlos auslegen – wenn ich gestehe, dass dieser kontemplativere Zustand mir gar nicht so unlieb ist.

Ein gewisses Maß an menschlicher Unfreiheit ist, zumindest in der jetzigen Phase schon mit unseren neuen Familienmitgliedern verbunden. Ich beobachte, wie ich bestimmte Termine, interessante Abendveranstaltungen, Hinweise auf neue Filme, gar nicht erst auf Einplanbarkeit untersuche, weil ja sofort die Logistikfrage auftaucht. Wo ist D., wer nimmt den Hund, kann überhaupt schon jemand (außer Frau Sadlo, wo die Wildschweine wohnen) Mika über Nacht nehmen? Aber das soll sich ja nach einem halben Jahr ändern, wenn wir das Hündchen schon einmal alleine lassen dürfen. Ich bin gespannt!

Jetzt jedenfalls ist der Tag stark Mika-strukturiert: Vor dem Frühstück geht D. die „kleine Runde“ und berichtet, ob Mika ein kleines oder großes „Geschäft“ erledigt hat (meistens nicht oder wenn, dann nach der Rückkehr im Garten). Nach dem Frühstück und dem herzzerreisenden Abschiedsgeheule wenn D. ins Büro fährt, versuche ich Mika dazu zu bewegen, zu meinem Füßen zu ruhen, während ich die Zeitung lese (klappt schon ganz gut). Dann spiele ich Katzenbefreier und schleuse unseren Kater an Mika vorbei zum Futter ins Souterrain, unsere Katze, die schon früher über die Terrasse das Haus verlassen hat, locke ich aus dem Garten durchs Kellerfenster ebenfalls an die Futternäpfe.

Gegen 9:30 Uhr kehrt Ruhe im Haus ein, weil Jacek unser Hündchen abgeholt hat, um mit ihr und einem Dutzend anderen Hunde durch den Wald zu laufen und gleichzeitig als guter Lehrer die Ausbildung des Welpen fortsetzt (mit Erfolg, wie ich sagen muss). Bis Mika gegen 14:00 Uhr zurückkehrt wird Post erledigt, Eingekauft, werden Behördengänge oder Arztbesuche eingeplant. Heute habe ich es tatsächlich für eine 9-Loch-Runde auf den Golfplatz geschafft.

Die Nachmittage sind inzwischen meistens relativ entspannt, weil Mika müde ist und schläft. Nur gelegentlich kommt sie von ihrer Decke im Flur ins Wohnzimmer oder in die Küche, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung ist, ob ich bereit bin sie zu bürsten, oder ob eine Katze anzustarren und zum Spielen aufzufordern wäre (was unsre Katzen nach wie vor als Aggression verstehen).

Das bringt mich endlich wieder zurück zu Deinen Einkaufserlebnissen und der Hundebettfrage. Vielleicht solltest Du Dich mal auf Emma drauflegen, wenn es um Dominanz geht? Aber was sagen Deine Töchter und was sagt Deine Frau dazu? Wir haben eine Tagesdecke im Flur, eine Fußmatte im Windfang und für die Nacht eine Art Federbett, dass im Flur als Signal („Jetzt aber in die Federn! Das Sandmännchen kommt!“) aufgeschüttelt wird und auf das sich Mika mit einem Seufzer niederlässt. Korrekter beschrieben: Sie lässt sich mit einem eindeutig Wohlbefinden signalisierenden Geräusch hineinfallen, zumal sie jetzt weiß, dass die elende Gassigeherei ein Ende hat, da D. oder ich zuvor die große Abendrunde mit ihr absolviert haben. Danach schläft Fräulein Mika, und der Rest der Familie widmet sich dem Fernseher, der Lektüre oder dem Gespräch über Hunde- und andere Fragen.

Um Deine Reise nach Kalifornien beneide ich Dich. Du solltest unbedingt eine Nacht in der Sea Ranch verbringen (Adresse auf Wunsch) und ab und zu eine SMS an Emma schicken. Ich bin übrigens sicher, dass Du in den Hundeboutiquen von San Francisco und Monterey freundlich und kompetent bedient wirst. Bring was Schönes mit!

Wau und Wuff!

Hansjürgen

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