Hundetagebuch 24

Lieber Ulrich,

wie ich höre, bist Du aus Kalifornien zurück. Wie war die Begrüßung durch Emma? Herzlich, zurückhaltend, überschwänglich? Ist sie gewachsen, und wie steht es um Euern Teppichboden?Mika scheint jeden Tag ein Stück größer zu werden, was mich heute dazu veranlasste, nahezu selbstvergessen, beim Bürsten das Grips-Lied zu singen: „Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück./ Wir werden immer größer, das ist ein Glück./ Große bleiben gleich groß oder werden klein./ Wir werden immer größer,/ von ganz allein.“ Du siehst, die Vergangenheit holt einen gelegentlich überfallartig ein.

Mika nimmt das gelassen hin, findet Fellpflege inzwischen ausgesprochen angenehm, nur wenn sie zusätzlich mit Bio-Ungezieferspray traktiert wird, rennt sie weg, reibt die besprühten Stellen auf dem Teppich, sieht uns empört an – riecht aber anschließend entschieden besser. Wenn ich ehrlich bin, gebe ich zu, dass es weniger die Sorge vor Flöhen oder Zecken ist – obwohl dieser warme Winter alle möglichen Tiere reaktiviert hat – , sondern der durch das Wälzen in Pfützen verstärkte artentypische Geruch, dem ich mit der Behandlung zu Leibe rücke. Der schöne Satz: „Du riechst wie ein nasser Hund!“ bekommt eine übers bildhafte hinausgehende konkrete Bedeutung, wenn Dir tatsächlich ein nasser Hund zu Füssen liegt.

Hin und wieder greife ich immer noch auf die einschlägige Literatur zurück, wenn in unserem Zusammenleben neue oder auch alte, längst gelöst geglaubte Fragen auftauchen. Mit kleinen Hunden sollen wir viel und regelmäßig spielen. Aber was? Während ich mich mit solchen Vor-Fragen beschäftige, ergreift D. die Initiative und spielt zum Beispiel, „Bring den Futterbeutel“. Das ist ein kleiner Beutel an einer dünnen Leine, der wie ein Schulmäppchen aussieht, in dem sich Trockenfutter verbirgt und der mit einen Reißverschluss versehen ist. Wenn Mika den Beutel brav zurückbringt, bekommt sie daraus eine Belohnung.

Zuerst kapierte das gute Tier nicht, was von ihm erwartet wurde. Dann fand sie die Sache interessant. Aber da unsere uckermärkischen Schönheiten besonders intelligente Vertreter ihrer Rasse sind, wurde es ihr schnell zu blöd, auf das Öffnen des Beutels durch irgendwelche Zweibeiner zu warten. Sie nahm das Ding einfach zwischen die Pfoten und zog mit der Schnauze den Verschluss auf. Leider versuchte sie das selbe auch mit dem Reißverschluss ihres überdimensionierten, kuscheligen Schlafkissens, der nun durch Druckknöpfe ersetzt werden soll.

Eine der besten Möglichkeiten Mika zu beschäftigen, ist und bleibt der Parmaschinkenknochen. Das hat zwar zur Folge, dass in Phase eins, wenn an oder in dem Knochen bzw. dem Gelenk noch Reste von Fleisch sind, die ganze Bude nach Parmaschinken riecht, aber das zahnende Hündchen ist stundenlang zufrieden. Abends allerdings, wenn wir vor dem Fernseher sitzen oder bei ruhiger Musik lesen wollen, besteht das gesellige Tier darauf, diesen Knochen polternd immer und immer wieder aufs Parkett knallen zu lassen oder ihn in einer Fensterecke unter die Gardine oder unter ein Sofa zu räumen. Dann liegt sie fiepend davor und erwartet von uns, dass der Knochen hervorgeholt wird, um damit wieder laut zu poltern, bzw. ihn sofort wieder unters Sofa zu schieben usw. Nach ein paar Tagen wird der Knochen dann immer kleiner, dadurch auch weniger laut, aber eben auch weniger interessant. Aber so eine Woche mit „Parma“ ist ja auch schon was!

Dass Mika regelmäßig zu Jacek in den „Hundekindergarten“ geht, macht sich äußerst positiv bemerkbar. Natürlich hört sie bei uns nicht annähernd so gut auf irgendwelche Kommandos, aber doch von Woche zu Woche erkennbar besser. Besonderen Respekt hat sie inzwischen vor sich öffnenden Türen, da sie letzte Woche von unsrer Nachbarin auf der gegenüberliegenden Straßenseite freundlich begrüßt, ohne nach links oder rechts zu schauen durchs offene Gartentürchen über die Straße stürmte. Nach dem Schreck, der nicht nur unserer Nachbarin und mir, sondern auch Jacek in die Glieder fuhr, begann eine kurze intensive Trainingsphase zum Thema, „wann darf ich durch eine sich öffnende Tür bzw. über eine Straße laufen“.

Von besonderem Interesse sind nach wie vor Hausschuhe, hier insbesondere die Addiletten von D., die Mika schon aus ästhetischen Gründen völlig zu Recht bis zur Unbrauchbarkeit zerkaut hat. Weniger erfreulich war das Zerlegen einer gerade erst erworbenen, ausnahmsweise einmal aufschriftlosen Basecap, das Zerbeißen eines weiteren Halsbandes und einer Leine, sowie das Annagen der Tapete im Flur. Die Stelle habe ich mit einem Brett abgedeckt, dass vorher als Deckel einer Kiste Rotweins diente.

Nächste Woche steht die weitere Kennzeichnung unseres Hundes an. Der vorgeschriebene Chip wurde ja bereits implantiert, nun ist die Reg.-Nummer von „Tasso“ gekommen, auf der die Nummer der 24-Stunden Notruf-Hotline vermerkt ist. Außerdem haben wir die Hundesteuermarke der Gemeinde Kleinmachnow erhalten, mit dem schönen Spruch: „Ich halte meine Umwelt sauber.“ Wer ist da gemeint? Egal! Die Tassomarke ist weinrot, die Hundemarke jägergrün und der Anhänger, in den D. den Namen und eine unserer Handynummern eingravieren lassen will, ist aus Messing. Was, habe ich sie gefragt, machen wir mit alle diesen Marken? Klimpert Mika künftig mit ihrer Markenkollektion, wie manche Männer mit ihrem Schlüsselbund? Gibt es für Hundemarken so etwas ähnliches wie für Kreditkarten? Hat es bei Hundebegegnungen eine Bedeutung, mit welchen und mit wie vielen Marken geklimpert werden kann? Ist eine Hundemarke aus Kleinmachnow, Kalau oder gar aus Sternhagen rufschädigend, während eine Charlottenburger Hundemarke, am besten mit dem Zusatz „Savignyplatznähe“, die Zugehörigkeit zu einer ganz anderen, welterfahrenen, nahezu intellektuellen Hundekategorie dokumentiert?

Mika ahnt von solchen Gedanken nichts, die mir durch den Kopf gehen. Das ist auch besser so, denn in jedem Hundebuch, das ich bisher gelesen habe, wird immer wieder warnend darauf verwiesen, dass Hunde eben keine Menschen seien. Aber was heißt das für den Alltag, den wir mit Mika und Co. teilen?

Soviel für heute und angesichts der – wie ich bei meiner letzten Reise nach Köln feststellen konnte – sich dem Höhepunkt nähernden Karnevalszeit, ein kräftiges:

Helwau!

Dein Hansjürgen

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