Hundetagebuch 25

Lieber Hansjürgen,

gleich zu Deinen ersten drei Fragen : Nach meiner Rückkehr aus Kalifornien war Emmas Begrüßung eher verhalten. Kein Hochspringen ( ja ohnehin nicht erwünscht, aber doch immer wieder herzerwärmend ), kein zum Streicheln aufforderndes Sich – Hinwerfen. Im Laufe des späteren Abends ( Mein Flug hatte lufthansaüblich Verspätung, sodass ich erst gegen 21 Uhr zu Hause war ) taute Emma dann etwas auf. Vielleicht war sie einfach schon zu müde.

Inzwischen scheine ich zum Familienstar für sie geworden zu sein: Sie weicht mir nicht von der Seite, und wenn ich meiner eigenen Wege gehen muss, ohne sie, stellt sie sich an, als sei es eine Trennung für immer.

Ob sie in der Woche meiner Abwesenheit gewachsen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich hätte nichts dagegen, wenn es das jetzt war, mit dem Wachsen. Sonst wird doch noch ein größeres Auto fällig.

Da haben es die Rassehundbesitzer einfacher. Die wissen wie groß ihr Hund wird. Andererseits hat es natürlich auch seinen Reiz, es nicht zu wissen und zu spekulieren. Wenn die Sache mit der Pfotengröße nicht auch wieder eine von den zahlreichen Legenden der vorgeblich Hundekundigen ist, dürfte Emma nicht mehr wachsen.

Die Teppiche hat Emma eigentlich schon in den ersten Tagen ihres Lebens bei uns gründlich versaut. Jetzt meidet sie sie, wenn wir doch mal wieder nicht aufgepasst haben, und sie in der Wohnung downloaden muss.

Wir sind aber bereits mit einer sehr guten Teppichreinigung im Gespräch, die schon einmal hilfreich war, als unsere kleinen Kinder sich noch gern die Schokoladenhände auf dem weißen Flor abgewischt haben.

Ich hatte mir vorgenommen, Mika aus Kalifornien eine Ansichtskarte schicken, um ihr kurz meine Eindrücke vom dortigen Hundeleben zu schildern. Ich hatte mich auf eine Karte mit Hundekonterfei kapriziert, wie es sie bei uns zu Hauf an jedem Postkartenständer gibt. Dort nicht. Deshalb habe ich es gelassen. Einem Hund eine Ansicht von San Francisco zu schicken fand ich doof.

Also berichte ich Dir, was mir aufgefallen ist. In der Stadt selbst, habe ich so gut wie keine Hunde gesehen. Auf der Wiese des Alamo Square warnte ein Einheimischer seine Begleiter vor ‚Dogboops‘ ( ich schreibe es phonetisch, wie ich es verstanden habe ). Es gab tatsächlich welche; die dazugehörigen Hunde nicht.

Dafür ein paar eher ungepflegte Tiere mit bekifften Frauchen / Herrchen in Haight Ashbury. Sie gingen seltsam beharrlich auf und ab, als würden sie vom Tourismusbüro bezahlt, um ein wenig den ehemaligen Ruf der Flower-Power-Metropole aufrecht zu erhalten.

Ganz anders auf der schönen Küstenpromenade unterhalb des Marina District: Dort viele Hunde, oft übergewichtig, wie die dazugehörigen Besitzer.

Auch In Monterey traf ich in einer Seitenstraße auf eine Gruppe jugendlicher Aussteiger im Schmuddellook mit Hund, wie man sie originalgetreu in Berliner Bahnhöfen finden kann. Das kommt von der Globalisierung.

Sonst war Monterey weitgehen hundelos und, wie ich finde, sowieso überschätzt. Die Stadt, sogar die berühmte Cannary Row enttäuschend, Fishermans Warf wenigstens nach Konstruktion und Lage etwas amüsanter. Vielleicht habe ich zu viel erwartet. Die ungezählten Touristen jedenfalls, die sich an den Trödel – Shops und Seafood -Fallen vorbeischoben schienen recht zufrieden und animiert.

Sehr hübsch dagegen die Küstenstraße mit ihren viktorianischen Häuschen und Strandvillen. Auch hier habe ich keine Vierbeiner gesichtet.

Ganz anders im entzückenden Carmel. Viele Hunde. Eine dort lebende Deutsche sagte mir, Carmel sei zu über sechzig Prozent von Rentnern bewohnt. Viele von ihnen alleinstehend. Das könnte ein Grund für die hohe Hundefrequenz sein. Eine andere Erklärung wäre folgende: Carmel verfügt, wie Du sicher weißt, weder über Hausnummern, noch über eine Straßenbeleuchtung. Traditionalisten wehren sich bisher erfolgreich gegen beides. Da ist nachts ein Hund natürlich hilfreich, um sein Haus zu finden.

Außerhalb der Innenstadt von San Francisco gab es einige Hunde am Strand südlich des Restaurants Cliff House ( zu empfehlen wegen des bunten Publikums, weniger für seine Speisen ).

Hier muss ich über etwas berichten, dass mich sehr beeindruckt hat und nachahmenswert ist für Situationen, in denen man erschöpft ist, seinen Hund aber am Strand oder auch auf einer großen Wiese dennoch müde spielen will: Etwa dreißig Meter von der Wasserlinie des Pazifiks entfernt stand ein beinahe bewegungsloser Mexikaner ( dem Aussehen nach ). Er bewegte lediglich seinen rechten Unterarm. In der Hand hielt er ein Gerät ähnlich einer Suppenkelle mit überlangem Stiel. In die Kellenhöhlung lag ein Ball ( etwa von der Größe eines Tennisballs ). Der Mann schleuderte diesen Ball mit einer lässigen Bewegung in Richtung Ozean. Durch den langen Hebel flog der Ball kanonenkugelgleich beeindruckend weit. Der zu dem Mann gehörige Hund wetzte dem Ball hinterher ins flache Wasser, brachte das Geschoss zurück und legte es in die ihm dargebotene Kelle. Worauf der Mexikaner den Vorgang wiederholte.

Als ich nach einem halbstündigen Strandspaziergang zurückkam, stand der Mann noch immer an der selben Stelle und zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen, während der Hund bereits deutlich langsamer lief.

Wenn ich betone, dass es sich um einen Mexikaner handelte, so deshalb, weil diese Volksgruppe in Kalifornien wegen ihrer angeblich geringen Intelligenz und einer gewissen Trägheit außer für Gartenarbeit, Müllabfuhr und dergleichen niederer Dienste wenig geschätzt wird. Dieser Hundebesitzer und Kellenschleuderer war ein lebendiger Beweis dafür, wie schnell uns Vorurteile den Blick auf verborgene Fähigkeiten verstellen. Die Kelle ist genial, und ich habe bereits begonnen, die Haushaltsabteilungen der Kaufhäuser zu durchstreifen, um nach einem geeigneten Gerät Ausschau zu halten, dessen Griff man verlängern könnte.

Ich höre Dich bereits einwenden, dass Mika und Emma uns ja gerade zu mehr Bewegung ermuntern sollen. Dass die Ballschleuderkelle diesem Nutzen also entgegensteht. Ich möchte sie auch nur zum Einsatz bringen, wenn ich wirklich keine Lust habe, durch die Gegend zu rennen. Man könnte die Kelle übrigens, bei nicht ganz so langem Stiel auch vom Liegestuhl aus zum Einsatz bringen. Voraussetzung wäre aber, dass wir unseren Hunden beibringen, den Ball in die Kelle zurück zu legen.

Dir als passioniertem Golfspieler würden vermutlich extraweite Schüsse gelingen, wenn Du das Gerät wie einen Golfschläger benutzt.

Womit ich beim Thema Spielen bin. Ja, auch Emma erwartet, dass mit ihr gespielt wird. In meinem Büro schieße ich einen Tennisball den realtiv langen Korridor hinunter und lasse mir den Ball zurückbringen. Da Emma, wie Du so richtig schreibst, aber wie Mika zu den schlauen Sternhagenern zählt, wird ihr die Sache bald langweilig.

Sie spielt aber recht possierlich ohne menschliche Hilfe. Es gelingt ihr beispielsweise eine Nuss so zum Leben zu erwecken, dass sie regelrechte Verfolgungsjagden mit ihr anstellen kann. Dabei geschieht es aber, ähnlich wie bei Dir beschrieben, oft, dass die Nuss oder auch andere Kleinteile unter Möbelstücke geraten. Emma ist dann sehr hartnäckig im Wunsch, sie wiederzuerlangen. Sie fiept solange, bis man ihr hilft. Seitdem kniee ich öfter als es mir angenehm ist.

Natürlich spielen die Mädchen hin und wieder mit Emma ( Haupsächlich ihretwegen wurde sie ja angeschafft ), aber schon ein mäßiges Programm auf einem Privatsender genügt, Emma wieder uns oder sich selbst zu überlassen.

Nicht beachtet zu werden mag Emma gar nicht. Sie tut dann das selbe beziehungsweise Ähnliches wie Mika. Tapete, Zeitung, Tempotücher, Innensohlen von Schuhen und so weiter. Rügen wir sie, ist sie beleidigt.

Auch das Problem mit den Klimpermarken ist uns geläufig. Ich habe vorgeschlagen, Emma zur Nacht das Halsband abzunehmen. Dagegen sprach bisher die Mühe es ihr morgens schlaftrunken wieder umzuknüppern. Ich denke über ein Ledertäschchen nach, das man über die Markekollektion schiebt. Nachteil : Es stünde Deinem glänzenden Vorschlag entgegen, Emma mit einer Marke ‚Savignyplatznähe‘ auszustatten. Das wäre natürlich sinnlos, wenn man nicht damit klimpern kann.

Nächste Woche sind Winterferien, das beschert Emma einen Aufenthalt auf dem Lande. Auch wenn von Karneval gerade in Sternhagen nicht das geringste zu spüren sein wird, auch Dir ein herzliches

Hewau !

Dein Ulrich.

Eben höre ich von Hannah, der ich, animiert durch meine Zeilen an Dic, von der Ballschleuder erzähle, dass dieses Gerät bereits seinen Weg in den Grunewald gefunden hat. Du kannst Dir meine Enttäuschung vorstellen. Vielleicht habe ich ja sogar Dir nichts Neues erzählt.

Trotzdem ändert das nichts an meiner Wertschätzung für den mexikanischen Hundebesitzer am Strand von San Francisco.

D.O.

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