LEICHT VERZÖGERT

LEICHT VERZÖGERT

Selten ist eine Mitteilung der Tagesschau-App von meinem Handy so schnell wieder verschwunden wie diese. Morgens vor acht Uhr war sie noch da. Als ich sie mir gegen zehn nochmal ansehen wollte, um beim Schreiben dieser Zeilen keine Fehler zu machen war sie schon verschwunden.

Vielleicht ist einem Anstaltsverantwortlichen, als auch er die App beim Morgenkaffee las, das Schokocroissant im Hals stecken geblieben, als ihm die Tragweite der Meldung klar wurde, und er hat ihre sofortige Löschung erwirkt, ehe es zu sehr wahrscheinlichen Tumulten unter den Gebührenzahlern kommt.

Die kommen aber vielleicht trotzdem. Denn die Sache ist nicht unter den Teppich zu kehren, genauer, aus dem Äther zu entfernen: Die Zeitverzögerung.

Was beispielsweise bei der Wetterkarte hinnehmbar ist, wenn manche TV-Zuschauer statt eines belastbaren Wetterberichts ein spektakuläres Bild eines Nordlichts über Kiruna 8 bis 60 Sekunden später bewundern dürfen als andere, ist beim Fußball ein ausgesprochener Skandal.

Wenn, wieder beispielsweise, in einer großstädtischen Laubenkolonie die um einen mit ‚Schüssel’ verbundenen Fernseher versammelten Fans ‚Tor!!!’ jubeln, während die in der angrenzenden Häuserzeile auf dem Balkon Sitzenden Bild und Ton mit ihrem Internetanschluss erst 8 bis 60 Sekunden später empfangen und sie deshalb das nächste Sixpack stumm anbrechen müssen, weil verzögert jubeln schlicht albern ist, dann wird das im günstigen Fall die noch immer ungelöste Frage der Zwangsgebühren hochkochen lassen, im ungünstigen zu aus dem Fenster geworfenen TV-Geräten führen, im nicht zu hoffenden zu kriegerischen Auseinandersetzungen, im beschrieben Fall zwischen Lauben- und Häuserzeilenbewohnern.

In der hastig gelöschten Tagesschau-App war gut verständlich dargestellt, wie es zu den möglicherweise Volksaufstände provozierenden Verzögerungen kommt. Es muss nun also aus der nie ganz verlässlichen Erinnerung referiert werden.

Das Ganze hat viel mit Physik zu tun und den von ihr beeinflussten Übertragungswegen kabellos oder verkabelt. Irgendwie aber auch mit den verantwortlichen Politikern. Die SZ von heute schreibt ihnen ins Stammbuch‚ dass sie sich ‚vom mehrheitlich im Staatsbesitzt befindlichen Ex-Monopolisten Telekom den zukunftsträchtigen Glasfaserausbau (haben) ausreden lassen.’ Soll etwa bedeuten, das Tor!!! muss sich bei manchen verzögert durch Kupferkabel quälen, während es bei anderen hurtiger vom Himmel kommt, wo es doch auch die Verkabelten in Lichtgeschwindigkeit durchs Glasfaser erreichen könnte.

Die verantwortlichen Ressortchefs: ehemals der Mautminister Dobrindt, nun der Autoherstellerschutzengel Scheuer.

Man darf hoffen, dass beide beim WM-Gucken unter Gleichgesinnten in einem von jeder anderen menschlichen Ansiedlung weit entfernten Ort mit Schüssel-Fernseher deutsche Tore bejubeln dürfen. Wie wär’s mit der Zugspitze?

 

UdM

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