DIE EINZELSEITE

Ich weiß nicht mehr, wann mir beim Aufschlagen meiner Zeitung die Einzelseite zum ersten Mal herausfiel. War es, als sie im ICE unter die Bankreihe vor meinem Sitzplatz glitt, ich sie mit starken Verrenkungen, begleitet von befremdeten Blicken der dort sitzenden älteren Dame hervorklauben musste und mich am Tag darauf im Wartezimmer eines Orthopäden wiederfand? War es als sie am Strand von Westerland, von einer Windböe erfasst, ins Weite schoss, ein arglos im Sand spielendes Kleinkind umwickelte und mir böse Worte der Eltern eintrug? War es als sie im Café zu Boden flatterte und unter den nassen Schuhsolen eines eben aus dem Regen hereintretenden Gastes in den Zustand der Unlesbarkeit verwandelt wurde? War es, als ich verärgert das Fehlen von Seite 4 und 5 bemerkte, sie aber versehentlich mit dem Möbelhausangebot Bockspringbetten für Langschläfer und der Sonderseite Barfußwandern in den Süd-Karpaten in den Papierkorb geworfen hatte, oder war es, als ich das Hemd wechseln musste, weil sie, in meinen Morgenkaffee geflappt, beim Umblättern einen braunen feuchten Fleck auf dem Ärmel hinterließ?

 

Die Einzelseite ist die Papier gewordenen Zumutung für jeden Zeitungsleser.

 

Wann und vor allem warum wurde sie erfunden? Ich kann nur spekulieren: Eines Tages kurz vor Redaktionsschluss meldet sich die Anzeigenredaktion: Wir haben gerade eben für Seite 5 noch eine Anzeige, ganzseitig, Farbe, der Supermarktkette mit Sonderangeboten für Fleisch- und Wurstwaren reinbekommen. (Das sind diese Seiten die Liebhaber eines guten Steaks umgehend zu Vegetariern machen können.) Gut, sagt der Chefredakteur zu seinen Redakteuren, dann fliegt für uns Seite 5 raus auf eine neue Doppelseite, das macht drei Seiten zusätzlich, wer hat noch was!?

In diesem Augenblick kommt einer der neuen jungen dynamischen BWLer, die die Verlagsleitung zwecks Kostensenkung eingestellt hat in die Redaktion, hört es und ruft: Moment! Wieso Doppelseite? Kann man diese übrigens sehr, sehr wichtige Werbung nicht auf eine Einzelseite drucken und eure Artikel auf die Rückseite? Wir müssen endlich mal anfangen, unser Produkt zu optimieren!

So oder so ähnlich könnte es zur Einzelseite gekommen sein. Sie ist derartig unpraktisch und leserfeindlich, dass sie nur ein nicht Zeitung lesender BWLer erfunden haben kann.

Ich könnte meinen Protest natürlich an die Pressestelle meiner Zeitung richten. Die würde ihn zur Beantwortung aber vermutlich an die BWLer weiterleiten. Und deren Antwort auf die Frage Warum macht ihr das? kenne ich schon: Weil wir es müssen. Aber wir verstehen Ihr Problem und empfehlen Ihnen unsere Online-Ausgabe.

Ich aber liebe meine Zeitung aus Papier und hoffe jeden Morgen aufs Neue auf eine einzelseitenfreie Ausgabe.

UdM 12.09.19

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