TAG EINS DER CORONAAUSGANGSSPERRE

War das ein Schock! Noch in beinahe heiterer Erinnerung an Angela Merkels Aufzählung der moderaten Einschränkungen unseres Lebens zunächst auf zwei Wochen begrenzt, vorgetragen in einem sanften landesmütterlichen Ton, und dann heute morgen, anfangs im Halbschlaf, beim Aufschlagen der Zeitung das böse Erwachen: Berlin macht den Söder. Offenbar waren die schärferen, in hässliche Verordnungssprache gepressten, von der Bundeslinie abweichenden Verschärfungen schon in der Behördenpipeline, und man mochte die schöne Vorarbeit nicht im Papierkorb versenken. Dennoch bleiben Fragen.

Söder nutzt auch die Coronaepidemie zur Profilierung als Kanzlerkandidat. Aber doch nicht etwa auch Bürgermeister Müller? Oder will er, der in seiner Amtszeit nicht eben als glanzvoller Stadtstaatenlenker aufgefallen ist, den Bayern zum Schluss seiner Karriere als besonders strenger Gefängnisdirektor überflügeln?

Dazu bräuchte es geeignetes und vor allem ausreichendes Personal. Daran dürfte es in dieser Stadt, in der beispielsweise Autos stundenlang unbehelligt von der Staatsgewalt im absoluten Halteverbot parken mangeln. Ordnungskräfte werden hier, in der Mitte Charlottenburgs nur selten gesichtet

Müllers Bevölkerungseinschluss war aber nicht der einzige Schreck am Virusmorgen. Im Deutschlandfunk, sonst eine Hörquelle sympathisch vernünftiger Meinungen, scheint die Furcht aufzukommen, in Zeiten von Klopapiermangelskandalen journalistisch ins Hintertreffen zu geraten: Moderator Heinlein gab sich redliche Mühe aus Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, herauszukitzeln, dass eine totale Ausgangssperre das Gebot der Stunde gewesen wäre. Schwesig blieb weich. Auch der nächste Versuch, einem Kollegen in Istanbul mit Blick in den Iran die Einachätzung zu entlocken, dass Corona doch hoffentlich das Ende des Mullaregimes bedeute, ging ins Leere, und auch der anschließend befragte Börsenspezialist war nicht bereit Heinleins Katastrophenwunsch zu erfüllen, nämlich den coroanbedingten Zusammenbruch unseres Wirtschaftssystems zu bestätigen. Trotzdem hat es mich tief betrübt. Aus meiner hoch geschätzten Informationsquelle scheint eine Art BILD-Zeitung auf Bütten mit Goldrand zu werden.

Die echte Springerpresse arbeitet selbstverständlich mit der dort üblichen Skandalkanone: Auf einem Aufsteller vor einem Zeitungsstand lese ich in fetten Lettern: ‚Berliner Fleischer bekommt kein Fleisch mehr’. Wirksamer kann man den Hamsterwettlauf auf die Fleischtheken der Supermärkte kaum provozieren, nachdem vielerorts die Matratzen gegen Klopapierrollen ausgetauscht und die Badewannen mit Nudelpackungen gefüllt sind, und somit nichts Coronahysterisches mehr hergeben.

Linkenpolitiker Dietmar Bartsch bemerkt unlängst, zugegeben etwas flapsig, die Virologen schienen sich genau so schnell zu vermehren wie die Viren. Das würde er heute vielleicht nicht mehr so sagen, denn die Lage ist ja wirklich ernst.

Ich schnappe mir jetzt für etwaige Kontrollen meinen Ausweis und hole mir trotz Müllerverbot am Savignyplatz einen Kaffee. Sollte mich wider Erwarten jemand kontrollieren, bin ich auf Recherche. Mal sehen, was passiert.

 

UdM 23.03.20

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