Unbegleitete Demokratie

Demokratie lernen ist schwer. Manchmal scheitern schon die ersten Eingewöhnungsversuche am Schulalltag. Diese Woche war ich beauftragt den im Herbst eingeschulten Enkel nach der Schule abzuholen und gleichzeitig sicherzustellen, dass er als Klassensprecher am nächsten Tag von seinem Klassenzimmer aus zum Tagungsort des Schülerparlaments gebracht würde. Die erste Sitzung hätte er schon versäumt, weil keine schulische Begleitperson informiert gewesen sei.

Auf der Suche nach einer verantwortlichen schulischen Person stieß ich als erstes auf einen Lehrer, den ich fälschlicherweise als Erzieher ansprach, was empört korrigiert wurde. Aber auch empört konnte der Herr Lehrer nicht sagen, wo denn überhaupt das Schülerparlament tagen würde. Er fragte einen anderen Lehrer, der es auch nicht wusste, aber auf die bald eintreffende Erzieherin verwies. Der Tagungsort, Musikzimmer im 5. Stock, war einem Anschlag neben dem Klassenzimmer zu entnehmen.

Dann kam die Erzieherin, bei der ich mein Anliegen, dem Enkel doch bitte die Wahrnehmung seines demokratisch legitimierten Amtes zu ermöglichen, vortrug. Dafür sei nicht sie zuständig, sondern eine Lehrerin, von der sie aber nicht wisse, ob sie das auch in diesem Schuljahr übernommen habe, dies aber auch nicht feststellen könne. Die von ihr befragten Lehrer, die nach Hause wollten, wussten es auch nicht.

Mein Enkel verfolgte still die wenig fruchtbaren Dialoge, packte dabei seinen Schulranzen, der aus unerfindlichen Gründen gefühlte 10 Kilo wiegt und war wesentlich gelassener als sein Großvater. Ich versuchte der Erzieherin zu erklären, dass es doch ganz schlecht sei, wenn hier ein heranwachsender Demokrat erfahren müsse, dass Demokratie an schulischer Logistik scheitere. Dass sich die Gesellschaft dann später auch nicht zu wundern brauche, wenn politische Fehlentwicklungen entstünden. Und überhaupt: Es müsse sich doch wohl in einer Welt der totalen Kommunikation arrangieren lassen, dass der Klassensprecher der 1. Klasse zum Parlament gelangen könne.

Die Erzieherin versprach als Kompromiß, dass für den Fall, dass die Transportfrage (2. zum 5. Stock) nicht zu lösen sein sollte, sie den Enkel in ihrer Obhut behalten werde, bis eine der Schulverwaltung zuvor als legitimiert bezeichnete Person, ihn von der Schule abholen komme. Dafür fühle sie sich verantwortlich. Obhut statt Demokratie, dachte ich, verkniff mir ironische Bemerkungen, um dem Enkel nicht möglicher Weise zu schaden, nahm seinen tonnenschweren Ranzen und ging.

Auf dem Schulhof meinte der Enkel sehr ruhig und sachlich: Weißt Du, die verstehen es einfach nicht! Natürlich nahm er am nächsten Tag wieder nicht am Schülerparlament teil. Die Logistikfrage war einfach nicht zu klären.

hr

1 Response

  1. Herrlich geschrieben (:
    „dass es doch ganz schlecht sei, wenn hier ein heranwachsender Demokrat erfahren müsse, dass Demokratie an schulischer Logistik scheitere. Dass sich die Gesellschaft dann später auch nicht zu wundern brauche, wenn politische Fehlentwicklungen entstünden. “ … “ Es müsse sich doch wohl in einer Welt der totalen Kommunikation arrangieren lassen, dass der Klassensprecher der 1. Klasse zum Parlament gelangen könne.“
    Ich musste schmunzeln und gleichzeitg mit dem Kopfschütteln. Irgendwas läuft da mit der Kommunikation noch nicht so richtig.
    Guter Beitrag
    Lg Maria

    Liken

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