Hundetagebuch 35

Lieber Ulrich,

die von Dir eindeutig parteiisch geschilderte Alternative „Bahn oder PKW“ beschäftigt uns im Moment noch nicht, da sich familiäre Zugreisen nach Hessen schon wegen des nötigen Umsteigens und der langen Dauer weniger anbieten. Was mich allerdings beschäftigt, ist die erste S-Bahn-Fahrt.

Grundsätzlich sind dort, vom Treppensteigen abgesehen, wenig Probleme mit unserem Hund zu erwarten, aber was ist mit den anderen Fahrgästen und dem Zustand der Züge. Also: müssen wir Mika auf Grund ihrer Größe einen Maulkorb anlegen? Wie wird sie darauf reagieren? Wirkt sie dann nicht plötzlich gefährlich, ohne es im geringsten zu sein? Sieht die Berliner Hundeverordnung Strafen für den Fall des Zuwiderhandelns vor? Kommen wir zusammen ins Erziehungslager? Angesichts Deiner Berichte über die Belästigungen, die Georgia zu erdulden hat, sollten wir vielleicht einmal über Maulkörbe für Hundehasser nachdenken!

Mehr als der Maulkorb aber beschäftigt mich die Tatsache, dass sich Mika auf den versifften Boden legen wird, sich jeder erdenkliche Schmutz in ihrem Fell wiederfindet und schließlich entweder auf unserem Teppich oder durch die „Selbstreinigung“ in ihrem Magen landet. Schon bevor wir Hundebesitzer wurden, habe ich stets die in Bahnen und Restaurants im Dreck liegenden Hund bedauert. Dass einige von ihnen auf mitgebrachten leichten Decken oder Tüchern lagern durften, erschien mir als zivilisatorischer Fortschritt, zumal es ja Hunde geben soll (zum Beispiel in der Nähe des Berliner Savignyplatzes) denen der gelegentliche Besuch in Ehe- und sonstigen Betten nicht völlig untersagt wird.

Gestern, beim Morgenspaziergang hatte ich einen kurzzeitigen Herzstillstand. Ich war mit Mika auf in einem der waldähnlichen Stücke unterwegs, von denen Kleinmachnow durchzogen wird. Sobald die nächste Straße in ausreichender Entfernung ist, lassen wir Mika ohne Leine laufen, weil sie nur dann den Spaziergang auch als Gelegenheit sieht, sich zu erleichtern. Außerdem macht es allen Beteiligten mehr Spaß, verlaufen die Begegnungen mit anderen Hunden in der Regel wesentlich entspannter, manchmal sogar richtig vergnüglich. Man lernt auch seine Hunde ausführenden Nachbarn besser kennen.

Wahrscheinlich wirst Du, so wie wir, die Hundebesitzer mit bewundernden Blicken verfolgen, die es geschafft haben, ihren vierbeinigen Begleitern beizubringen, auch ohne Leine brav bei Fuß zu laufen, am Straßenrand unaufgefordert stehen zu bleiben, nie den Bürgersteig ohne Erlaubnis zu verlassen und selbst vor Metzgereien klaglos und geduldig zu warten.

Während ich Mika etwa 50 Meter vor dem Erreichen einer unserer Hauptverkehrsstrassen wieder angeleint hatte, stand auf der anderen Seite ein schlankes, durchtrainiertes Ehepaar im schicken Jogging-Dress mit ihrem freilaufenden Hund (groß, schwarz, lockig, nett – der Hund), überquerte dann im locker-geschmeidigen Trab die Straße. Wir begrüßten uns, wie das Hundebesitzer so tun. Ich freundlich stehend, sie tänzelnd. Unsere Hunde beschnupperten sich, ihr Hund ging etwas stärker auf Mika zu, Mika zuckte zurück, der andere Hund erschrak, wich auf die Straße aus und wurde von einem PKW erfasst. Zum Glück nur seitlich und nicht frontal, zumal die Fahrerin versuchte auszuweichen und bremste. Trotzdem wurde der Hund zu Boden geschleudert, war die Autofahrerin im Schock, stürzte die Joggerin zu ihrem Hund, der sich aber schon wieder aufrappelte, während ihr Mann mit der Autofahrerin sprach und den Wagen auf Schäden untersuchte.

Ich habe Mika noch nie so an der Leine ziehend erlebt. Sie wollte nur noch nach Hause, wo sie sich sofort auf ihre Decke legte, die sie am liebsten auch noch über die Ohren gezogen hätte. Als D. heute morgen mit ihr unterwegs war, weigerte sie sich standhaft, der Straße näher zu kommen, auf der der gestrige Unfall, der glücklicher Weise doch noch glimpflich verlief, sich ereignet hatte. Selbst ältere, gut erzogene Hunde – erzählten mir dann unsere Nachbarn – geraten immer mal wieder in Stresssituationen, in denen sie auf verkehrsreiche Straßen laufen. Kein so angenehmer Gedanke.

Warum schreibe ich Dir das alles: weil auf Grund der relativen Größe unserer Hunde, ich sie meist für viel erwachsener halte als sie sind, und es nicht erwarten kann, sie frei laufend und vergnügt zu erleben, dabei vergessend, dass die Risiken – zumal bei so jungen, ja jetzt gerade mal ein knappes halbes Jahr alten Fast-noch-Welpen – immens groß sind.

Zum Schluss muss ich Dir noch von einem interessanten Phänomen berichten: ganz gleich ob es unsere nette Haushaltshilfe ist, die zweimal die Woche kommt, unsere Nachbarin, bei der ich gelegentlich Mika zur Kurzbetreuung abgebe oder meine Gemahlin: hundeliebende Frauen haben eine Tendenz neben Mika in die Knie zu gehen, sich fast neben sie zu legen, sie zu streicheln, dabei seltsame Laute auszustoßen und sich nur schwer trennen zu können. Mika findet das toll.

Ich glaube allerdings, dass sie es noch toller findet, wenn ich sie mit „Hallo, Schlappohr“ begrüße, ihr mit der einen Hand kurz über den Kopf streichle und ihr mit der anderen ein getrocknetes Rinderohr oder einen Brotkanten anbiete. So ergänzen sich halt die Geschlechter aufs – für den Hund – vorteilhafteste! Aber will Mann deswegen Hund sein?

Wau

Dein Hansjürgen

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