Hundetagebuch 36

Lieber Hansjürgen,

‚Das klingt nach Diebstahl !‘ Mit diesen Worten sprang eine unserer Töchter heute morgen vom Frühstückstisch auf, um Emma zu folgen. Sie meinte damit das hurtige Klappern der Hundekrallen auf dem Parkettboden, mit dem Emma das Berliner Zimmer verlassen hatte. Sonst bewegt sie sich nach ihrer Morgenmahlzeit eher träge zu ihrer Decke und gönnt sich dort eine Verdauungspause.

Der Verdacht war durchaus begründet, denn Emma verrät sich nach unerlaubten Aktionen meist durch eiligen Rückzug. Diesmal lag das Vergehen allerdings in der Zukunft. Emma hatte offenbar mit klugem Blick erkannt, dass alle Familienmitglieder am Tisch saßen. Das bedeutete wertvolle Augenblicke ohne Beobachtung. Emma wollte sie – nicht zum ersten Mal – dazu nutzen, es sich auf unserem Bett mit einem Kauknochen gemütlich zu machen.

Das wurde für dieses Mal verhindert, was beleidigte Hundeblicke eintrug. Dabei war der Verdacht nicht unberechtigt. Emma hatte einige Tage zuvor ein Handy, sonst aus einem Stück bestehen, in deren sieben zerlegt. Sie hatte sich das Handy von einer Kommode geangelt und sich damit auf ihr Lager zurückgezogen. Als sie in ihrem Zerstörungswerk unterbrochen wurde, bestand das Handy aus folgenden Einzelteilen: Ein Akku , ein Oberteil, ein Unterteil, das in drei Teile zerbissene Tastenfeld aus vermutlich sehr attraktivem Gummi, ein Plastikteil, dessen Funktion sich nicht sofort erhellte. Der Chip, das Herz des Ganzen, blieb unbeschädigt.

Solche Übergriffe auf dem Menschen nützliche Geräte geschehen in letzter Zeit häufiger, ohne dass Emma uns wohl bewußt schädigen möchte. Die Dinge erwecken einfach ihr Interesse. Vielleicht meinen die Hundegurus ja das, wenn sie von der Pubertät oder den Flegeljahren schreiben. Vieles kann – siehe oben: ‚Das klingt nach Diebstahl‘ – verhindert werden, wenn man auf plötzlichen, eiligen Rückzug zum Ruheplatz achtet. Manchmal allerdings bewegt sich Emma auch mit der Lautlosigkeit einer Katze, wenn sie befürchtet bei einer Missetat ertappt zu werden.

Eigentlich ist beides eher amüsant, wenn sich die Schäden in Grenzen halten. Wie soll der Hund denn auch seiner Welpendussligkeit entwachsen, wenn er nicht nach dem Prinzip Learning by doing sein Gehirn trainiert ? Nur so kann er ja lernen, was er definitiv nicht darf. Dass die Erziehung regelmäßig von Trotzreaktionen begleitet wird, kann jemanden, der das Erwachsenwerden von Kindern zumindest einmal aufmerksam beobachtet hat, ebenfalls nicht wundern.

Wir erleben es jeden Tag, wenn wir Emma vor dem Überqueren einer Kreuzung auffordern, sich auf das Kommando ‚Sitz‘, hinzusetzen (dabei sieht sie übrigens besonders hübsch aus ), beim Kommando ‚Warte‘ so zu verharren und erst bei ‚Komm‘ loszugehen.

Auf ‚Sitz‘ reagiert Emma sehr unwillig und meist verzögert. Wenn sie dem Befehl besonders verärgert nachkommt, dreht sie dem Verkehr, den sie sonst aufmerksam beobachtet den Rücken zu. Oder sie beginnt sich zu kratzen, als wollte sie ausdrücken ‚Ich hätte mich sowieso hingesetzt, ihr lästigen Befehlsdödel !‘ Wenn sie der Aufforderung erst nachkommt, nachdem man ihr energisch das Hinterteil hinuntergedrückt hat, rächt sie sich nach dem Überqueren der Straße damit, dass sie die Hundeleine schnappt und heftig daran zerrt, etwas, von dem sie weiß, dass es unerwünscht ist.

Sie versucht auch schon mich auszutricksen. Unlängst entdeckte sie an einer Kreuzung auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen interessanten Kollegen. Sein Überqueren abzuwarten passte nicht in meinen Zeitplan. Also zog ich Emma in meine Richtung. Da ich das ziemlich energisch tat und mit begleitendem Kommentar, tat Emma so, als füge sie sich, trottete neben mir her, blieb aber kurz darauf abrupt stehen, um zu schnüffeln, was ihr eigentlich auch bei Eile immer gewährt wird. Tatsächlich tat sie aber nur so. Sie schnüffelte nicht wirklich, sondern schielte in Schnüffelhaltung zum anderen Hund der inzwischen die Straße überquerte. Dieses Spiel trieb sie drei Mal mit mir, bis der andere Hund in der Querstraße verschwand. Ich war sehr stolz auf Emma.

Übrigens kann das Zerstören beziehungsweise Beschädigen von Gegenständen durchaus auch mit Horizonterweiterung des Hundehalters verbunden sein.

Als es noch keine Handys gab, das wissen wir, überlebte die Menschheit ohne dieses allgegenwärtige Gerät. Das ist nun nicht mehr so. Sogar mein technikfeindlichster Freund, der behauptete, eher würde er sich die Ohrmuscheln abschneiden, als sie mit diesem widerwärtigen Gerät berühren, gab mir unlängst kleinlaut seine Handynummer preis. Wir können nicht mehr ohne. Nicht, weil es unentbehrlich wäre, sondern weil so gut wie jeder eines hat. Deshalb musste auch für das von Emma zerbissene Handy umgehend ein neues her. Ich begab mich zu dem Laden, wo man uns das Handy nebst Vertrag verkauft hatte, um Ersatz zu beschaffen. Mir war klar, dass der nicht für die lächerlichen 1 Euro zu haben sein würde, der seinerzeit bei Vertragsabschluss anfiel. Dass aber ein Ersatzgerät – was heißt da Ersatz ? – nur zum Listenpreis zu erwerben sei und das billigste Gerät 149,- Euro kosten sollte, mochte ich nicht hinnehmen. Das hätte bedeutet, das Handy wäre nur einen Euro billiger gewesen, als der Kaufpreis für Emma, immerhin ein ganzer, prächtiger Hund. Ein inakzeptables Mißverhältnis. Ob es auch billiger Handys woanders gäbe, wollte ich wissen. ‚Im Elektronikmarkt‘ wurde mir beschieden. Die Auskunft kam nur widerwillig. Das verstand ich, als ich dort eintraf, denn hier versuchte zahlreiches, umtriebiges Personal in der ansonsten servicearmen Kelleretage riesigen Ausmaßes das Konkurrenznetz an den Mann und die Frau zu bringen. Hier war man wenig begeistert, dass man bereits im Besitz eines Vertrags war. Man führte mich aber schließlich zu einem Regal, in dem sich vertragslose Handy befanden.

Da in diesem Elektronikmarkt, wie ungezählte rosa Pappschweine in Sprechblasen verkünden, alles ‚saugut‘ und ‚saubillg‘ ist, entschloss ich mich im Angesicht einer besonders großen Pappsau, deren Sprechblase irgendeine ‚supersaugeile Gelegenheit‘ anpries, zu einem saugünstigen Handy für 49, – Euro, was immer noch ein stolzer Preis ist. Dafür hat man allerdings keine integrierte Kamera, kann keine Schlagertexte aufnehmen, nicht Radiohören und nichts aus dem Internet runterladen. Man kann nur telefonieren. Mit dieser ureigentlichen Funktion eines Telefons war unsere Tochter, um deren Handy es sich handelte, nicht wirklich zufrieden. Sie warf Emma einen verärgerten Blick zu und begann die Bedienungsanleitung zu lesen, die bei diesem schlichten Gerät aus einem einfachen Faltblatt besteht, im Gegensatz zu den einschüchternden und für mich meist unverständlichen Booklets der Fabrikate, die das oben beschriebene können.

Da ich meien Tochter sehr liebe, noch mehr als Emma, beschlich mich ein schlechtes Gewissen, gepaart mit vermutlich ausschließlich männlichem, atavistischem Ehrgeiz : Ich sah mir die sieben Einzelteile des scheinbar hoffnungslos zerstörten Handys noch einmal auf Reparaturmöglichkeiten genauer an. Eigentlich konnte man alles wieder zusammenfügen, ohne das in drei Teile zerbissene Tastenfeld allerdings und ohne zu wissen, ob das Gerät, selbst wenn dieses Tastenfeld noch verwendbar wäre, nicht innere Verletzungen davongetragen hatte.

Über große Erfolge soll man nicht viele Worte machen, sie stehen für sich: Das Tastenfeld habe ich mit Sekundenkleber wieder zusammengefügt, den Platz für das zunächst nicht zuordenbare Plastikteil habe ich gefunden. Ich habe das Handy, das fotografieren, filmen, plaudern usw. kann, wieder zusammengesetzt, es funktioniert.

Unsere Tochter betrachtete es kurz, nickt anerkennend und sagte : ’Ich behalte das neue‘.

Ich warf Emma einen verärgerten Blick zu.

Dein Ulrich

P.S. Gestern waren wir an der Hundebadestelle am Grunewaldsee. Wir stellten fest, das weibliche Hunde neuerdings auf aktuell geläufige Namen wie Charlotte, Maria, Anna, Lea und so weiter hören. G. bemerkte trocken: Jetzt kommen bald die Doppelnamen.

D.O.

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