Hundetagebuch 37

Lieber Hansjürgen,

Wir setzen uns morgen vormittag in ein Flugzeug nach Lissabon. Ich hoffe, dass wir gutes Wetter haben, was nicht ausgemacht ist. Meine diesbezüglichen Beobachtungen der Wetterkarte der vergangenen Tage verheißen nichts Gutes. Lissabon ist wie jede Großstadt bei Regen ziemlich unwirtlich. Vor zwölf Jahren war ich schon einmal in Lissabon, sogar im Mai, und es schüttete an manchen Tagen unvorstellbare Atlantiktiefregenmengen auf die Stadt herunter.

Voller Verzweiflung suchten wir eine etwas außerhalb gelegen Shopping Mall auf. Was einerseits eine gute Idee war, weil man ein wenig im Trockenen flanieren konnte, nachdem von Gucci bis Versace alle Schaufenster abgearbeitet waren, sich andererseits als Falle herausstellte. Es goss nämlich nach Stunden immer noch und vor dem Taxistand der Mall hatte sich angesichts fehlender öffentlicher Verkehrsmittel eine schier endlose Schlange Wartender gebildet. Die sonst so bemerkenswert höflichen Portugiesen verhielten sich in dieser Situation genauso wenig rücksichtsvoll, wie zweihundert deutsche Fluggäste, die sich auf nur zehn wartende Taxen stürzen. Dabei scheint so eine Art Schiffsuntergangsstimmung zu entstehen. ‚Frauen und Kinder zuerst !‘ möchte man da rufen.

Als Pessimist hatte ich mir in der Mall übrigens einen Regenschirm der Marke Knirps gekauft. Nicht, weil es keine anderen gab, sondern weil mich plötzlich ein gewisser Nationalstolz angesichts dieses deutschen Produktes in der Fremde ergriff. Ich besitze ihn immer noch, und wir werden ihn nach Lissabon mitnehmen.

Damit bin ich beim Hund. Was hat Emma mit Regenschirmen zu tun, wirst du fragen. Leider viel. Vor Wochen schon, als es bei uns in Berlin wieder einmal regnete, nahm ich mir einen Schirm aus der Reserve, die wegen stehengelassener anderer immer wieder mit Fünf – Mark – Schirmen aufgefüllt werden muss. Es war eines dieser Modelle, das sich per Knopfdruck explosionsartig entfaltet. Ich dacht Emma eine Freude zu machen, wenn ich ihr diesen Mechanismus vorführe und sie vielleicht zu einem Kampf mit dem seltsamen Gerät ermuntere. Das Ergebnis war verheerend. Emma sprang mit einem Aufjaulen davon und verkroch sich angstvoll in einer Ecke, sodass mich sofort schlechtestes Gewissen ergriff. Ich faltete den Schirm wieder zusammen, ging zu ihr, wollte sie schnuppern lassen und ihr zeigen, dass der Schirm vollkommen ungefährlich ist. Vergebens. Emma schoss in die nächste verfügbare Ecke. Seitdem hat sie vor Schirmen ob zusammengefaltet oder aufgespannt schreckliche Angst. Vielleicht hätte ich das vorhersehen müssen. Jedenfalls ist die Strafe für mein unbedachtes Handeln hart: Man – das heißt auch ich – kann bei Regen mit Emma nicht mit dem Regenschirm auf die Straße. Sie blickt, tut man es, angstvoll ständig nach oben und zerrt den Schirmträger mit aller Gewalt nach Hause oder ins Auto. Ich bin ein bißchen ratlos. Vielleicht sollte ich vor ihren Augen einen zuvor präparierten Schirm zerbeißen, damit sie sehen kann, dass er besiegbar ist.

Jedenfalls habe ich daraus gelernt, dass kleine Hunde ähnlich reagieren, wie kleine Kinder, wenn man dummer Scherze mit ihnen macht. Dafür sind sie noch zu sensibel. Unsere Tochter erzählte mir, dass sie und Emma bei einem Gassigang Zeugen wurden, wie eine Hundehalterin ihrem Liebling, als er nicht parieren wollte, eins mit der Leine überzog. Emma hat das so verschreckt, dass sie eine Viertelstunde lang folgsam war wie noch nie zuvor. Man könnte daraus schließen, dass bei Hunden, ähnlich wie bei Menschen in unserem fortschrittlichen Staatswesen bereits die Strafandrohung Wohlverhalten erzeugt. Wenigstens bei denen, die nie die Absicht hatten, eine Straftat zu begehen.

Da nicht ständig Hundehalter zugegen sind, die auf Emma abschreckend wirken, ist sie inzwischen zu Zeiten wieder so ungehorsam wie zuvor. Sie ist aber auch sehr aufmerksam. In letzter Zeit setzt sie sich, besonders wenn ich in der Küche tätig bin, neben mich und beobachtet mein Tun. Nein, sie bettelt nicht, sie weiß, dass es nichts gibt, sie sieht wirklich zu, häufig mit niedlich schräg gelegtem Kopf. Natürlich erkläre ich ihr, eingedenk des Rates, dass man viel mit seinem Hund sprechen soll, was ich gerade mache. In meiner stetig wachsenden Zuneigung bilde ich mir ein, sie versteht mich.

Thema Hundehasser: Auf dem sehr breiten Gehsteig der Bleibtreustraße ging ich mit Emma an der Leine. Ich ungefähr in der Straßenmitte, Emma in der Nähe der Baumringe. Zwischen mir und den Häuserwänden an die drei Meter Raum. Plötzlich hinter mir eineweibliche Stimme : ‚Darf ich mal vorbei !!‘ Tonfall ‚Versperren Sie doch nicht die ganze Straße mit Ihrer blöden Töle ! War ich früher auch so ? – Ich prüfe mich.

Zu den Baumringen, in denen die Hunde ja regelrecht mit ihrer Nase lesen : Wäre es politisch sehr unkorrekt, wenn ich sagte, die Baumringe sind die Boulevardblätter der Hunde. Man liest nur Scheiße.

Mit einer so harschen Sottise kann ich natürlich nicht schließen. Ich beziehe mich auf Deine Lektüre von Márais ‚Ein Hund mit Charakter‘. Sie hat Dich am Ende traurig gemacht. Ist der Hund weggelaufen, wie die Ehefrau in der ‚Glut‘ ? Oder gar gestorben ? Dann muss ich nachdenken, ob ich das Buch lesen möchte. Andererseits, wenn ich das traurige Ende kenne, lasse ich das vielleicht einfach weg und lese nur das Amüsante davor. – Ich glaube, ich möchte es doch lesen. Schon wegen Márai. Vielleicht sitzen wir beide, wenn wir alt geworden sind, auch eines Abends am Kamin eines unserer Schlösser und müssen dann nicht von wegglaufenen Frauen reden, sondern erfreuen uns an den wohlig vor dem Feuer liegenden Hunden.

Dein Ulrich

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