Hundetagebuch 41

Lieber Hansjürgen,

vermutlich siehst Du ebenso wenig wie ich Horrorfilme. Die langsamen, eigentlich langweiligen Kamerafahrten, denen lediglich unheildräuende Musik quälende Spannung verleiht, die sich dann an einer mehr oder weniger vorhersehbaren Stelle in optischen Unappetitlichkeiten entlädt und gern mit schaurigen Schreien den akustischen Höhepunkt erreicht – das war noch nie etwas für mich. Schon wegen der schaurigen Schreie.

Die sind allerdings sanfter Schalmaienklang gegen das gräßliche, durchdringende, weit hörbare Aufwimmern eines Hundes, der mit seiner Schnauze an einen Elektrozaun gerät. Wir haben Emmas Lauf- und Springgeschwindigkeit schon oft bestaunt. So schnell aber, wie sie sich nach diesem traumatischen Erlebnis von der Pferdekoppel (wo sie nicht hindarf ) neben unserem Garten in die heimischen Gefilde zurückgebeamt hat, war sie nie.

Danach wich Emma für Stunden nicht aus dem Haus. Sie legte sich an der Küchenzeile quer vor die Geschirrspülmaschine und war nicht breit, sich aus eigener Kraft von dort wegzubewegen, sodass sie – das häusliche Leben musste ja weitergehen – mit vereinten Kräften und behutsam, liegend weggezogen werden musste. Ich berichte das so ausführlich, weil es an das Thema einer Deiner vorangegangenen Tagebucheintragung anknüpft : Hundegehorsam. Hier, finde ich, sind vergleichende Blicke auf Menschenkinder mitunter hilfreich. Auch die tun ja jede Menge Dinge, die ihnen untersagt sind, machen ihre Erfahrungen – und lernen dabei. Häufig schmerzhaft, wie Emma am Elektrozaun. Kinder ziehen hieraus vernunftbegabte Schlüsse. Wir sind sehr gespannt, ob Emma das auch tut und die verbotene Koppel nun nicht mehr betritt. Erster Beobachtungstag wird Himmelfahrt sein, wenn wir wieder in der Uckermark sind.

Dabei ist Emma zur Zeit ein Eigentlich – Hund. Eigentlich ist sie recht folgsam. Wenn ich mit ihr, wie in letzter Zeit ein paar Mal geschehen, gegen acht Uhr früh, nachdem ich die Kinder Schule gefahren habe, in den zu dieser Zeit noch fast menschen – und hundeleeren Grunewald gehe, gehorcht sie ganz prächtig. Sie entfernt sich nur wenige zehn Meter, kommt nach einem kurzen Pfeifen angewetzt, läuft, als habe man es ihr beigebracht, längere Strecken ‚bei Fuß‘, setzt sich, wenn sie wieder angeleint werden muss, brav hin.

Wenn ich sie beobachte, habe ich allerdings den Verdacht, sie ist nicht plötzlich ein durch und gehorsamer Hund geworden, sondern der frühe, stille Wald ist ihr ein bisschen unheimlich, sodass ihr meine Nähe eine gewisse Sicherheit garantiert, die sie nicht durch unbotmäßiges Verhalten gefährden möchte. Aber auch sonst befolgt sie Anweisungen jetzt auf kurzen Zuruf. Eigentlich.

Denn leider gibt es die von Dir bei Mika beschriebenen Gehorsamsverweigerungen auch bei Emma. Sie sind nicht vorhersehbar, deshalb besonders frustrierend. Haben aber doch zumeist einen Grund, den man dann leider zu spät erkannt hat. In der freien Natur etwa ist es ein besonders attraktives Stück Wiese, ein spielbereiter Hundekumpel, ein Gewässer zum Schwimmen. Im Haus ist es die Vollbeschäftigung der Familie mit sich selbst, die freie Bahn für Erkundungsgänge jeder Art und ungestörtes Lagern auf Betten oder Polstermöbeln ermöglicht.

Richtig kritisch wird es bei fremden Kindern, die entweder zu Besuch sind, oder bei deren Familien man einen solchen abstattet. In Ruhestellung läßt Emma lämmergleich an sich herumstreicheln, – zupfen und – zerren. Wehe aber, wenn die Kinder zu dem übergehen, was sie am liebsten tun: Rennen und toben. Da ist Emma dann voll dabei. Hinterherlaufe, schnappen, anspringen – die Kinder werden offensichtlich zu Hunden. Das kennen unsere Kinder. Fremde, die eben noch versucht haben, auf dem friedlichen Hund zu reiten, reagieren darauf zumeist panisch. Sie versuchen zu Emmas Freude zu flüchten und drehen ihr dabei – als Reflex durchaus verständlich – den Rücken zu. Das macht sie vollends zur jagdbaren Beute.

Häufig endet damit ein bis dahin harmonischer Besuch abrupt. Denn nicht nur die fremden Kinder, auch die Eltern finden Emmas Verhalten nicht in Ordnung und übertragen ihre eindeutige, wenn auch höfliche Kritik unausgesprochen auf uns. An diesem Wochenende hatten wir besonders viele dieser Sympathieverluste zu beklagen. Sowohl bei uns im Garten, als auch bei einer Familie im Nachbardorf sorgte Emma für kindliche Angst und elterlichen Unmut.

Unsere jüngere Tochter kam gegen Abend ins Haus gestürmt und rief mit lauter Stimme anklagend: Wenn das so weitergeht, haben wir bald keine Freunde mehr! Nun fühle ich mich in solchen Situationen, in denen die Hundefrage, was Emmas Daseinsberechtigung in unserer Familie betrifft, so fundamental gestellt wird, einerseits auf der sicheren Seite – wie wir beide wissen, wurden wir überredet – andererseits nutzt ein darauf hinweisendes feines Lächeln gar nichts, denn der drohende Freundesverlust läßt sich durch noch so stummes ‚Ihr habt den Hund doch gewollt‘ nicht abwenden.

Nun kann man dem natürlich entgegenwirken, indem Emma, wenn Kinder zu toben beginnen, angeleint wird. Damit handelt man sich aber einen jaulenden, wuffenden, zerrenden Hund ein, der jede weitere entspannte Unterhaltung zum Erliegen bringt. Ich glaube, so etwas nennt man einen doppelten Zielkonflikt. Mann kann nicht nur entweder das eine oder das andere, man kann weder das eine noch das andere haben.

Da sich das Problem in seiner vollen Schärfe erst darstellt, seitdem die Gartensaison begonnen hat, grübeln wir noch über Lösungen. Was bei allem vergnüglich ist und über die Unbill hinweghilft, ist den Hund zu beobachten. Ich finde es nach wie vor köstlich, wie Emma ihren Gefühlen Ausdruck gibt. Seien es die von unten, auf dem Bauch liegend, nach oben geschickten beleidigten, vorwurfsvollen oder schuldbewußten Blicke. Sei es ihre unbändige Freude, wenn sie, von der Leine befreit, übers Land und durchs Wasser fegt. Da ist soviel positives, lustvolles Leben, dass es sich auf geheimnisvolle Weise auf meine Stimmung überträgt.

Und auch der Ungehorsam fordert einen ja zu Reaktionen heraus, die einem sonst kaum noch abverlangt werden. Ehe ich nun über nicht befolgte Befehle ins Schwärmen gerate gebe ich dennoch zu bedenken: Wäre ein so ganz und gar artiger Hund nicht schrecklich langweilig, ungefähr so langweilig wie ein Horrorfilm ohne Spannungsmusik ?

Herzlich Ulrich

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