Hundetagebuch 48

Lieber Hansjürgen,

Zunächst bewundere ich Deine Bereitschaft neben Deinen zahlreichen bereits bestehenden ehrenamtlichen Tätigkeiten eine weitere zu übernehmen. Denn um eine wie von Dir vorgeschlagene Veranstaltung zu moderieren braucht es ja besonders gute Vorbereitung, weil die gegensätzlichen Meinungen beim Thema Hund bekanntlich bis zu Handgreiflichkeiten im wahrsten Sinn des Wortes aufeinanderprallen können.

Dabei leuchten Deine Vorschläge nicht in allen Punkten ein. Emma befürchtet, die Unterteilung der Stadt in Hunde- und Nichthundebezirke einzuteilen könnte zu Fluchtbewegungen führen, wie wir sie sonst bei ethnischen und religiösen Konflikten bedauern müssen. Aber einmal angenommen, die bei Deinem und Mikas Vorschlag unvermeidlichen Wanderungsbewegungen würden friedlich verlaufen: Wer kümmert sich um die Hunde, wenn ein Hundebesitzer mit Aufenthalt in einem Nichthundebezirk bestraft wird? Habt Ihr das zu Ende gedacht? Verwundert waren wir auch über Eure Idee Radfahrer vom Bürgersteig zu verbannen. In unserem Kiez setzten die netten Damen vom Ordnungsamt das seit langem bestehende Radfahrverbot auf Bürgersteigen recht rigoros durch.

Ich selbst zum Beispiel, steuere, wenn eine Ordnungsamtsdame plötzlich zwischen zwei Autos hervortritt sofort die nächste Haustür an und behaupte dort zu wohnen. Das klappt ziemlich gut. Wenn die Ordnungsamtsdame allerdings abwartet, ob ich wirklich vor meiner eigenen Haustür gehalten habe, muss ich lügen, ich hätte etwas vergessen, und fahre dann auf dem Fahrdamm in die Richtung zurück, aus der ich gekommen bin. Das ist ein bisschen zeitraubend.
Mit ‚etwas vergessen‘ bin ich bei einem Thema, das Emma und mich, seit ich heute ins ‚Süddeutsche Magazin‘ gesehen habe, vielmehr umtreibt: Hundedemenz. Früher wurden alte Tiere ein bisschen wunderlich. Heute werden sie dement. Emma und ich, wir fragen uns, ob das in der Tierbetrachtung ein Vorteil ist. Vermutlich für Pharmaunternehmen, die demnächst entsprechende Präparate auf den Markt bringen, wenn es die nicht schon gibt.
Aber in der Praxis? Emma zum Beispiel sucht sich neuerdings seltsame Plätze zum Ausruhen. Es sind bevorzugt ein Winkel neben dem Klavier – (Es wurde auf Wunsch der Kinder angeschafft und erleidet das Schicksal aller Klaviere, wenn die Kinder, denen der göttliche Funke verweigert wurde, merken, dass ein Instrument nur Freude bringt, wenn man auf ihm übt: Es steht herum, hat aber durch Emma nun wieder einen Funktion. ) – eine ebenfalls sehr enge Ecke zwischen einer Standleute und einer Anrichte, unter einem Nachttisch und weiteren deutlich unbequemen Orten. Dabei hat Emma ein sehr bequemes Hundelager. Findet sie es nicht immer? Ist das schon ein Beweis für beginnende Demenz? Emma verweigert die Antwort.

Und wenn ich ganz ehrlich bin, ist meine wirklich große Sorge, dass ich eines Tages vor Emma stehe und mich frage: Wer oder was ist das?
Vielleicht sollten wir all dies sehr bald bei einem Hundespaziergang im Grunewald besprechen, ehe dort ein Hundeverbot ausgesprochen wird und das Hundeauslaufgebiet auf eine noch nicht von einem Investor beplanten Brache der ehemaligen Reichsbahn beschränkt wird.

Herzlich
Dein Ulrich

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