An die zuständigen Stellen in den Bezirksämtern sowie die federführende Senatsabteilung

Berlin, im April 2016

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Freude und Genugtuung habe ich der Presse entnommen, dass es endlich wieder eine Plattform für staatlich erwünschtes anonymes Denunzieren gibt.

Man kann nun auf einem im Internet abrufbaren Formular Betreiber von Ferienwohnungen denunzieren, leider noch nicht mit vollem Namen sondern nur mit Adresse.

Ich möchte mich hier kurz als Spross einer Familie vorstellen, die auf eine lange Tradition im Denunzieren zurückblicken kann. Schon mein Ururgroßvater hat sich ein besonderes Verdienst erworben, als er den kaiserlichen Behörden den Ort mitteilen konnte, an dem sich der subversive Schmierfink Gerhart Hauptmann in Erkner bei Berlin verkrochen hatte, ein Mann, der bekanntlich mit sogenannten Komödien die Obrigkeit lächerlich machte. Dies um nur einen besonderen Fall hervorzuheben aus einer Zeit in der der Denunziant noch etwas galt. In der sogenannten Weimarer Republik war es schlechter um unser Denunziantentum bestellt. Mein Großvater und mein Vater konnten aber doch einige Erfolge erzielen, indem sie der Behörde Untergewicht bei Brötchen anzeigen konnten, die meine Mutter Berlinweit einkaufte.

Nach 1933 hatten wir dann endlich wieder den so lange ersehnten Aufschwung. Man kann sogar sagen, dass wir mit dem Denunzieren kaum noch nachkamen. Wie erfolgreich wir waren, kann man heute noch an einigen der sogenannten Stolpersteine ablesen; wenigstens dafür sind sie gut.

Durch ein widriges Schicksal im Nachkriegsdeutschland im Westteil Berlins ansässig, wurde es mit dem Denunzieren wieder mühsamer. Wir hatten das Gefühl, dass unseren Denunziationen etwa von Falschparkern oder Laubenbesitzern, die zu verbotenen Zeiten Reisig verbrannten nur halbherzig nachgegangen wurde.

Deshalb siedelte meine Familie in den Ostteil der Stadt über, wo wir nicht nur herzlich begrüßt wurden, sondern im Denunzieren auf Anhieb beträchtliche Erfolge erzielen konnten. Schon in der ersten Woche nach Einzug in die uns zur Verfügung gestellte Wohnung konnten wir Westfernsehen und Abhören des Feinsenders RIAS im Haus anzeigen. Mit der sogenannten Wende gab es dann wieder einen deprimierenden Einbruch für engagiertes Denunzieren.

Umso erfreulicher Ihre Initiative. Ich habe das Formular sofort aufgerufen und einige Objekte auf der meiner Wohnung gegenüberliegenden Straßenseite angezeigt. Da ich als Rentner über einige Beobachtungszeit verfüge, werde ich aufmerksam Ihr Tätigwerden verfolgen. Bitte enttäuschen Sie mich nicht.

Ihr sehr ergebener –

Meinen Namen nenne ich nicht. Das haben wir bis auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 immer so gehalten.

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