SCHLÜSSELERLEBNIS

Die deutsche Öffentlichkeit wurde mit etwas sehr Seltenem erfreut, mit einem Schlüsselerlebnis nämlich. Unser Außenminister Heiko Maas hatte es, und er hat es mit uns geteilt, im Fernsehen unter anderem, wo er vom ZDF-Moderator etwas herablassend als deutscher Chefdiplomat bezeichnet wurde, dennoch nicht ohne den ihm eigenen bescheidenen Stolz verlautbarte, er habe nach Abschluss der Berliner Libyenkonferenz nun den Schlüssel zur Lösung der Krise in der Hand. Der Schlüssel ist zwar ein gängiges Symbol für allerlei, aus dem immer um Zurückhaltung bemühten Mund des Außenministers entfaltete er allerdings ein ganz neue nachahmenswerte metaphorische Wucht, sodass wir für die nahe Zukunft weitere Schlüsselfinder erwarten dürfen, ähnlich wie man eine Zeitlang in Politik und Medien Drehbücher schrieb, Weckrufe hörte, ermahnt wurde, nicht untätig an der Seitenlinie zu stehen, oder sich gar feige wegzuducken, sehr dürftige Bilder im Vergleich zum ministeriellen Schlüssel, mit dem für seine Funktion allerdings unerlässlich hinzugehörenden Schloss nebst Schlüsselloch ohne das der schönste Schlüssel nutzlos ist. Vom Schlüsselloch und Schloss war beim Minister nicht explizit die Rede, gemeint aber war ein Waffenstillstand und ein Waffenembargo, ein Schloss also in dessen Schlüsselloch der Schlüssel erst noch gesteckt und gedreht werden will.

Der Komponist Carl Orff fand in seiner Erfolgsoper Die Klugefür die Bedingtheit des einen für das andere ein ähnliches Bild: Ein Bauer hat auf königlichem Besitz einen goldenen Mörser, allerdings ohne den dazugehörigen Stößel gefunden und will ihn, gegen den Rat seiner klugen Tochter, dem König bringen. Sie fürchtet, man werde in den Verdacht geraten, den Stößel unterschlagen zu haben, wie der König es in der Tat auch unterstellt und den Bauer einkerkern lässt. Als er erfährt, dass dieser eine hübsche Tochter hat, bestellt er sie zu sich und verspricht hintersinnig: Den Stößel werden wir gemeinsam finden. Das happyendliche Ergebnis ist im Opernführer oder bei WikipediA nachzulesen.

Wenn Heiko Maas’ Schlüsselerlebnis, also wenn das Schlüsselloch zum Schlüssel tatsächlich gefunden würde, und so zum Frieden beitrüge, wäre das sehr wünschenswert und es wäre in seiner beinahe poetischen Bildsprache vielleicht sogar operntauglich. Wenn nicht: Nächster Akt einer Welttragödie.

UDM 20.01.20

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