VIERTER TAG DER CORONAAUSGANGSSPERRE

Savignyplatz. Zwei Herrn sitzen verbotenerweise auf einer Parkbank, jeder in einer Ecke, und da die Bank gute zwei Meter lang ist, wenigstens in korrektem Abstand von einander. Ein  Notarztwagen rast über die Kantstraße. Die Herren blicken ihm hinterher.

– Schlimm. Schon sechsunddreißigtausendfünfhundertacht Infizierte

– Siebenunddreißigtausend.

– Wo haben Sie die Zahl denn her?

– John Hopkins Universität.

– Ich halte mich an Robert Koch.

– Weil Sie Optimist sind?

– Weil ich einem deutschen Institut mehr vertraue als einer amerikanischen Universität.

– Amerika hat sehr gute Universitäten. Meine Nichte studiert da.

– Was hat denn das mit den Infizierten zu tun?

– Sie meinen wegen meiner Nichte?

– Ich meine die guten Universitäten in den USA. Wir haben hier in Deutschland auch sehr gute Universitäten.

– Aber die John Hopkins Universität in Boston –

– Die heißt übrigens Johns Hopkins. John mit einem s hinten dran.

– Das ändert ja nichts an der Qualität der Universität.

– Und sie liegt in Baltimore und nicht in Boston.

– Wenn Sie da so gut unterrichtet sind, warum zweifeln Sie dann deren Zahlen an?

– Weil ich mich frage, warum eine Universität in einer amerikanischen, übrigens sehr armen Stadt, genauer über unsere deutschen Infizierten informiert sein soll als Robert Koch.

– Was hat es denn mit der Qualität von Zahlen zu tun, dass eine Stadt arm ist? Und wenn wir schon genau sein wollen: Sie reden da immer von Robert Koch. Robert Koch ist vor geraumer Zeit verschieden.

– Ich sage Robert Koch, weil ich das Robert Koch Institut meine.

– Dann sagen Sie das doch auch. So, wie es sagen, könnte man meinen, Robert Koch lebt noch.

– Ich habe Sie für einen einigermaßen gebildeten Zeitgenossen gehalten.

– Wieso einigermaßen? Wie meinen Sie das?

– Ich meine, die Tatsache, dass Robert Koch nicht mehr lebt, sollte eigentlich jeder einigermaßen gebildete Mensch wissen. Ich meinte nicht Sie speziell. Berlin hat übrigens, Stand heute Nacht Null Uhr, tausendsechshundertsechsundfünfzig Infizierte. Nach Robert Koch Institut. Ihre US-Uni liegt wahrscheinlich wieder höher.

– Mag sein. Für Berlin habe ich keine genaue Zahl.

– Sollten Sie aber haben, als Berliner.

– Ich bin aus Dortmund.

– Ach! Sie haben gar keinen Akzent!

– Akzent?

– Na, so’n bisschen was Kohlenpöttisches. Schalke, oder FC ?

– Ich interessiere mich nicht für Fußball. Außerdem lebe ich seit dem zweiten Lebensjahr in Berlin.

– Dann sind Sie also doch Berliner. Haben Sie mal überlegt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei tausendsechshundertfünfzig Infizierten und bei fast vier Millionen Berlinern einem Infizierten zu begegnen. Das ist wie Lotto.

– Ich spiele nicht Lotto.

– Ich sehr selten. Aber ich gewinne nie. Und deshalb noch mal meine Frage nach der Wahrscheinlichkeit einem von den tausendsechshundertfünfzig Infizierten zu begegnen.

– Null.

– Wie null?

– Die gezählten Infizierten liegen entweder in Krankenhäusern oder sind in häuslicher Quarantäne. Sonst könnte man sie ja nicht zählen, und also können Sie ihnen wohl auch kaum begegnen.

– Moment, – wenn man Ihnen gar nicht begegnen kann, warum sitzen wir dann hier praktisch in Rufweite auseinander? Und woher kommen denn dann die Neuinfektionen?

– Von der Dunkelziffer. Die Dunkelziffer muss höher sein, als die Registrierten, sonst könnte es keine Neuinfektionen geben.

– Dann stimmt also weder die Zahl von Robert Koch, noch die aus Baltimore.

– Jetzt nicht mehr.

– Das heißt, wir beide sind Dunkelziffer.

– Sowohl nach, wenn es Ihnen so viel Freud macht John – S Hopkins, als auch nach Robert Koch Institut.

– Also weder die einen, noch die anderen haben im Augenblick einen Überblick.

– Vermutlich.

– Warum streiten wir dann überhaupt? Und trotzdem nochmal die Frage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich bei tausendsechshundertfünfzig plus Dunkelzifferinfizierten einem begegne.

– Sie denken, wenn ich das sagen darf, nicht logisch. Sie können, wie schon gesagt,  keinem registrierten Infizierten, sondern nur einem Angehörigen der Dunkelziffer begegnen.

– Das sind ja dann noch weniger.

– Weiß man’s? Es ist leider, wie Sie da nun wieder sehr richtig bemerkten, wie beim Lotto. Vielleicht begegnen Sie nie einem – und vielleicht bin ich schon Ihr Hauptgewinn.

– Sie haben einen ziemlich morbiden Humor. – Bleiben Sie gesund.

Der Herr steht mit diesen Worten schnell auf und entfernt sich zügig. Der andere ruft ihm hinterher.

– Sie auch !

UdM 26.03.20

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