Hundetagebuch 28

Lieber Hansjürgen,

Unsere jüngere Tochter, die uns häufig mit verblüffenden Fragen konfrontiert (‚Bleibt ihr bloß zusammen, weil ihr es uns versprochen habt?’ – ‚Wie kommst du darauf?’ – ‚Ihr küsst euch so wenig.’), warf heute in eine Plauderei am Abendbrottisch ein : ‚Kann man Hunde hypnotisieren?’ Sie habe es versucht, aber erfolglos.

Nun kann L. zwar auch Menschen mit dem intensiven Blick ihrer grünen Augen nur für Sekunden hypnotisieren – ( bei Puppen geht es, sagt sie – ), aber die Frage ist interessant. Es zu können, wäre im Fall von Emma wünschenswert. Zum Beispiel, wenn sie nur so tut, als sei sie in einen hypnosegleichen Schlaf verfallen, tatsächlich aber nur darauf lauert, dass wir darauf reinfallen, um sich lautlos zu erheben und Dinge zu tun, von denen Sie mittlerweile eindeutig weiß, dass sie verboten, zumindest nicht wohl gelitten sind. Hier wäre eine kurze, aber echte Hypnose, die einem ein paar vor Untaten sichere Augenblicke, beispielsweise bei der Zeitungslektüre beschert, nicht schlecht.

Zu einer dieser Untaten gehört ein Verlust – Du beschreibst den eines geliebten Schlappen so, dass man Deinen Aufschrei zwischen den Zeilen akustisch wahrnimmt – wie Du einen weiteren vor einiger Zeit bereits beklagt hast: Eine Basecap ohne eines der Embleme, die einen fälschlicherweise zu einem Hochleistungssportler oder Mitarbeiter eines Klempnerbetriebs machen. So erging es nun mir: Ich habe mein emblemlose Basecap geliebt. So sehr, dass man mir das Ergebnis von Emmas Zerstörungsarbeit vorenthielt, die Stoffreste sofort entsorgte, um den Aufschrei zu vermeiden, den D. an Dir in Unkenntnis von männlichen Verlustgefühlen an geliebten Dingen bemängelt.

Noch dazu war diese Cap ein Schnäppchen. Schwarz. 9.95 Eur. Im Vergleich zu Fachgeschäft – Ware geradezu lächerlich, dabei absolut gleichwertig.

Zur Zeit bleibt mir nur eine gefütterte, für diesen Winter, der keiner ist, zu warme, noch dazu unglücklich geschnitten, sodass ich mit ihr bekleidet ziemlich dämlich aussehe.

Die Alternative wäre eine beige, mit einem Emblem des ‚The Venetian, Las Vegas‘, was in mir den Spieler vermuten lassen könnte, der ich nicht bin. Ich habe die Mütze in einem jener Andenken – Impulse erworben, in dem andere Menschen zu in Indien gefertigten kleinen Muscheltruhen greifen mit dem Aufdruck ‚Seebad Zinnowitz oder ‚Saluti di Rimini‘.

Von meinem Kummer zurück zu Emma. Natürlich weißt Du und weiß ich, dass weder Dein zur zweiten, feierabendlichen Haut gewordener Schlappen, noch meine ebenso geschätzte an meine Kopfform gewöhnte Basecap gemeint waren. Unsere geliebten Tiere sind lediglich ihrem wohligen Zerfetzinstinkt gefolgt. Das heißt aber, finde ich, keineswegs, dass man nicht aufschreien dürfte, wenn man sie beim Zerlegen von Dingen ertappt, an denen man hängt. Zwar steht in den Büchern, die ich nicht lese, aus denen ich mir aber durchaus die Essentials von meiner Frau referieren lasse, Schreien sei sinnlos; darum geht es aber meiner Meinung nach gar nicht. An anderen Stellen steht nämlich, der Hund möchte nur eines: Geliebt werden. Da nun unsere Aufschreie – ich unterstelle das auch bei Dir – nicht etwa seelenloses Kasernenhofgebrülle, sondern Ausdruck tiefer emotionaler Verletzung sind, ungesteuert, nicht als akustische Strafmaßnahme, sondern auch für den Hund deutlich erkennbar als etwas, was ihm wenigsten für den Augenblick die ersehnte Liebe entzieht, halte ich einen solchen Ausbruch doch für erzieherisch.

Als Emma sich nämlich schon vor Wochen über meine Schlappen ( Bally – Hirschleder ) hermachen wollte, muss meine Ausstrahlung von Liebesentzug so heftig gewesen sein, dass sie seitdem unberührt in ziemlicher Nähe ihres Körbchen stehen.

Wir sollten uns also nicht von einigen Hundebuchautoren abschrecken lassen, deren Welpenerfahrungen aus erinnerungsfernen Zeiträumen stammend zu nostalgischen Reminiszenzen und permissivem Erziehungsgedudel geronnen sind.

Der prächtige Gauck sagte einmal, allerdings bezogen auf das Phänomen der ‚Ostalgie‘: Nostalgie ist Erinnerung ohne Schmerz.

Ich halte das für übertragbar.

Wir haben ihn noch, diesen Schmerz und zwar nicht nur egoistisch auf abgängige Textilien bezogen, sondern, wie Du sehr einfühlsam in der Schilderung von Mikas Bad im Schlachtensee darstellst (demnächst unzulässig, wie wir wissen), auch in Bezug auf unsere Hunde.

Wie Mika erging es auch Emma an einem der wenigen Frosttage dieses Jahres in Sternhagen. Wir befanden uns auf einem bis dahin sehr harmonischen Spaziergang mit Emma, als G. in einen Feldweg neben einem recht tiefen Entwässerungsgraben einbog, vor dem ich, eingedenk Emmas Vorliebe für Gewässer jeder Art, vermutlich wieder einmal zu leise gewarnt hatte. Emma, wie Mika am Schlachtensee ohne Leine, zögerte trotz entschiedener Verbotsworte nur kurz vor einem Sprung ins eiskalte Wasser. Was dann folgte, hast Du bereits beschrieben. Allerdings ist Emmas Fell kürzer als Mikas, sodass sich nur ein flächendeckender, aber nicht minder besorgniserregender Raureif bildete. Versuche, Emma nun etwa unter Inkaufnahme einer schweren Erkältung mit der eigenen, warmen Jacke vor dem Erfrieren zu bewahren, wären erfolglos gewesen, weil Emma nach diesem Bad sich jeglichem Zugriff durch geradezu provozierendes Herumtoben entzog. Du kennst das: Der Hund bleibt stehen, lässt dich auf Armlänge herankommen, um sich dann mit einem heiteren Sprung zu entziehen, der eingedenk Deiner mit Wut gemischten Besorgnis höhnisch wirkt und dich vor Beobachtern, die in deiner Wahrnehmung plötzlich alle hämisch grinsen, zum Affen macht. Der, wärest du einer, den Hund vermutlich schneller schnappen würde.

Um es kurz zu machen: Als Emma, nachdem sie mehrere Minuten durch für sie hüfthohen Schnee des angrenzenden Ackers getobt war, dabei aussah, als hätte man sie, nachdem sie schockgefrostet war, eben aufgetaut, konnte ich mich in einem Augenblick, in dem sie offenbar durch Anderes abgelenkt war, auf sie werfen (sic! ) und wurde von G., trotz heftiger Gegenwehr an die Leine genommen. Danach sah auch ich aus, als hätte man mich versehentlich im Tiefkühlschrank vergessen.

Unser Nachhauseweg von verbleibenden gut zehn Minuten war von allen Befürchtungen begleitet, die auch ihr hattet. Allerdings waren sie unnötig. Emma taute im Haus schnell wieder auf, wurde überfrottiert und legte sich aus eigenem, klugen Antrieb neben einen Zentralheizungskörper. Sie wurde nicht krank.

Das ist für Emma erfreulich, für zukunftweisende Rückschlüsse nicht. Denn nun können wir die Fachbuchbehauptungen mit dem Verbot des Welpenbadens wegen unserer gegensätzlichen Erfahrungen weder bestätigen noch dementieren.

Allerdings könnte man einwenden, auch wenn beide Hunde gesund geblieben wären, würde das nach den Gesetzen von Empirie und Statistik noch keinen im wahrsten Sinn des Wortes wasserdichten Schluss zulassen.

Eines hingegen ist klar: Welpen, so sie aus Sternhagen stammen, überleben auch eiskaltes Wasser.

Auch wir haben uns mit dem Thema Kastration ( nennt man das bei Hündinnen auch so ? ) beschäftigt. Der Rat Eurer Tierärztin deckt sich mit dem unseres Tierarztes. Gegen mögliches Verharren in etwas kindlichem Verhalten hätten wir nichts, denn Emma ist, nicht nur was das Fell betrifft, eine etwas raue Gesellin. G. bedauerte vor kurzem, dass Emma doch sehr wenig ‚verschmust‘ sei. Ehe ich sagen konnte, was ich dachte : Wäre dann eine Katze nicht besser gewesen ?, ergänzte sie schnell, eigentlich sei ihr das ganz recht. Hunde die ständig gestreichelt werden wollten seien doch eher lästig.

Ein wenig erschreckt hat mich Deine Bemerkung von der ‚bevorstehenden‘ Hundepubertät. Meinst Du, wir seien nicht schon mitten drin ? Was erwartest Du denn noch über das hinaus, was die lieben Tiere ständig anstellen ? Emma nämlich hat das ganze Repertoire des für diese Phase Beschriebenen schon voll drauf: Kaum etwas ist vor ihren spitzen Zähnen sicher. Und da unsere Sternhagener gegen alle Vermutungen doch zu beachtlicher Größe herangewachsen sind, angelt Emma ohne große Mühe von Tischen und Anrichten alles, was sie interessiert, wenn man sie nicht daran hindert.

Oder befürchtest Du menschenähnliches Verhalten? Offene Provokation? Anknurren bei Verweigerungen, gar Pfotenhiebe oder Bisse ? Wird Emma in entsprechender pubertärer Gemütslage die Türen hinter sich zuknallen, die sie leider schon öffnen kann?

In den mir referierten Büchern steht, die anstrengende Phase sei nach einem halben Jahr überwunden. Das sind noch knappe sechs Wochen. Hoffen wir, dass in dieser Zeit nicht noch so Schreckliches geschieht, dass unsere Stimmbänder Schaden nehmen.

Noch zum Praktischen: Wir sind, seit wir Emma bei uns haben, beim Trockenfutter geblieben. Es bekommt ihr gut und es scheint ihr zu schmecken. Das mit dem Pferdeäpfel-Fressen hatten wir auch schon. Wahrlich nicht schön aber folgenlos.

Man erträgt ja auf diesem weiten Felde ( und was darauf herumliegt ) so einiges, was man sich ante canem kaum vorstellen konnte.

Da man auch als Mensch zuweilen unberechenbar ist, hatte ich mir vorgenommen, mit L. und Emma den Berliner Karnevalszug anzusehen. G., als Kölnerin, hätte man es nicht zumuten können. Der Zug fiel dann mangels Förderung durch Steuergelder (geht’s noch ?!) bekanntlich aus.

Vielleicht hätte unsere Tochter gefragt: ‚Können Hunde schunkeln?’

Hewau ! Dein Ulrich.

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