Hundetagebuch 30

Lieber Hansjürgen,

ich beginne mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Die gute: Unlängst las ich, auf der Moskauer U-Bahnstation Mendeljewskaja gebe eine Statue für herrenlose Hunde. Gewidmet ist sie einem ‚Stationshund‘. Wir dürfen uns darunter wohl einen von mitfühlenden Nutzern des Moskauer ÖPNV liebevoll gehegten ortsgebundenen Vierbeiner vorstellen. Da äußert sich die vielbeschworene, gern von Balalaikaklängen begleitete russische Seele in ihrer schönsten Ausformung. Die schlechte Nachricht: Anlass zur Schaffung des Kunstwerkes war ein Verbrechen.

Ein Unbekannter meuchelte den Hund ( wir wollen uns das nicht vorstellen ) mit einem Messerstich. Auch hier haben wir es vermutliche mit der russischen Seele zu tun, allerdings von der Sorte, die westeuropäische Politiker zuweilen bei ihren russischen Kollegen verunsichert, zurückzuverfolgen bis zu Iwan dem Schrecklichen, der, so wollen es seine Biographen, den französischen Gesandten mit einem gekonnten Messerwurf durch Schuh und Fuß hindurch auf dem Parkettboden vor seinem Thron festnagelte, weil der Mann aus Paris den Kniefall verweigert haben soll. Schon hier spielt das russische Messer also eine ungute Rolle und lässt sich bis zur Annexion fremder Territorien weiterverfolgen.

Dabei scheint mir der Name der U – Bahnstation etwas auch für unsere Mika und Emma Symbolisches zu beinhalten. Auch wenn ich des Russischen nicht mächtig bin, scheint der Stationsname den großen Mendel zu ehren. ‚Stationshunde‘, herrenlose noch dazu, dürften sich aus zahlreichen Rassen zusammengemendelt haben. Das gilt eindeutig auch für unsere Hunde. Wie gut, dass sie nicht herrenlos sind und in U – Bahnstationen leben müssen. Wie gut auch, dass es bei uns kaum herrenlose Hunde, sondern weitaus mehr hundelose Herren gibt.

Das alles schreibe ich natürlich nur, um auf das von Dir angeschnittene Thema Hundeseele zu kommen. Ich gestehe, dass ich den derzeitigen Stand in der theologischen Diskussion dazu nicht kenne. Ich könnte nun natürlich den Begriff Seele googeln. Da ich aber unter den ersten zehn Eintragungen die der am besten Zahlenden fände, und vermutlich auf die Seeleninterpretation der Scientologen stieße, noch dazu, wie ich bereits eingeräumt habe, eher schwach im Recherchieren bin, nehme ich die Sache selbst in die Hand.

Obwohl ich weiß, dass die katholische Kirche zur Zeit der Konquistadoren sogar den indianischen Ureinwohnern des eroberten Kontinents eine Seele abgesprochen hatte, bin ich doch davon überzeugt, dass Emma eine solche hat.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den monumentalen Kolumbus-Film mit Gérard Depardieu, den auch Du vielleicht gesehen hast. Da gibt es eine Szene, in der ein fortschrittlicher Gottesmann am Beispiel mitgebrachter Indios den Beweis ihrer Seele zu erbringen sucht, indem er sie vor den finsteren Kirchenautoritäten zum Weinen und zum Lachen bringt. Wer solche Gefühle zeigen könne, folgerte der Priester, habe auch eine Seele.

Nun können Emma und wohl auch Mika zwar weder weinen noch lachen, Gefühle zeigen sie aber doch. Unbändige Freude, wenn sie einen nach noch so kurzer Abwesenheit mit ihrer Zuneigung überschütten, Kummer, wenn das rechtzeitige Fressen ausbleibt oder wir ihnen wegen eines Vergehens unsere Liebe, wenn auch nur kurzzeitig, entziehen. Dann gibt es diese Erzählungen von Hunden, die ganze Kontinente durchtraben um endlich, ausgehungert aber glücklich wieder zu Hause an der Eingangstür kratzen. Oder wie soll man angesichts eines Hundes, der trauernd am Grabe seines verblichenen Herrchens oder Frauchens ausharrt, wie es uns immer wieder berichtet wird, an der Hundeseele zweifeln ? Und gibt es außer vielleicht dem Blick von Stummfilmstars etwas Seelenvolleres als einen Hundeblick ?

Ich zweifle also keine Sekunde: Das von Dir beschriebene Wohlgefühl von Mika beim Zubettgehen, kommt aus tiefster, echter Hundeseele.

( Theologisch entscheidend wäre aber vermutlich, ob die Seele, wenn wir sie Hunden und damit ja auch anderen Kreaturen, wie Kanarienvögeln, Regenwürmern oder gar dem vom Aussterben bedrohten Tasmanischen Teufel zusprechen, unsterblich ist. Da müsste man bei den Buddhisten nachfragen. )

Vorher sprichst Du etwas einschränkend vom über Jahrhunderte ‚trainierten treuen Hundeblick‘. Auch wir sind mit diesem Blick ständig konfrontiert. Ich widerstehe ihm beharrlich. Aus purem, praxisbezogenem Egoismus: Hunde, die für seelenvolle Blicke Menschennahrung erhalten, fordern solche ja leider auch bei Wildfremden, zum Beispiel in Gaststätten ein. Sie betteln. Emma daran mit entsprechenden Befehlen zu hindern und mir vielleicht außerdem böse Blicke von Hundehassern einzuhandeln, möchte ich vermeiden. –Unsere Töchter aber erliegen zuweilen dem eigentlich unwiderstehlichen Blick bei leicht schiefgelegtem Kopf und lassen sich zu erziehungsfeindlichen heimlichen Speisegaben hinreißen.

Von mir bekommt Emma grundsätzlich nichts vom Tisch und auch keine Bröckchen die bei der Küchenarbeit anfallen.

Dies schreibe ich auf die Gefahr, dass Du mich nun nicht nur für hartherzig sondern auch seelenlos hältst.

Zu meiner Entlastung führe ich an, dass ich jetzt kurz unterbreche, weil Emma mir zum wiederholten Mal ihren Ball neben den Schreibtischstuhl gelegt hat, was bedeutet dass ich mit ihr spielen soll. Ich werfe den Ball durch unseren ca. 15 Meter langen Bürokorridor, Emma jagt ihm nach, bringt ihn zurück, legt ihn aber nicht vor meine Füße, sondern erwartet, dass ich ihn ihr in einem Scheinkampf aus der Maul zottele.

Vermutlich gehört das zu den in Hundebüchern beschriebenen Flegeljahren.

Durch Dein Zitat aus dem Buch von Frau von der Leyen, bezüglich der Hundeflegeljahre aufgeschreckt, frage ich mich natürlich, was da noch auf uns zukommt. Schade, dass wir unsere parsivalhafte Unbekümmertheit nach so viel fachkundiger Drohkulisse nicht wiederherstellen können. Es bestärkt mich aber in meiner Reserve gegenüber Hundebüchern, die Schlimmes ankündigen und meinen naiven, unbefangenen Umgang mit Emma unter warnenden Vorbehalt stellen wollen. Und findest Du nicht, dass selbst die Passagen aus dem Leyen – Buch, die Du meinst, mir zumuten zu können, einen boshaft – hämischen Unterton haben?

Es hat etwas von unglücklichen Ehefrauen oder – männern, die, wenn Sie hören, dass ein bis dahin ungebundener Mensch heiraten will mit ihren ‚Wart’s mal ab!‘ ganz ungerechtfertigt ihren eigenen Frust zur Regel erheben.

Oder vielleicht geht man als Verteidigungsministerin, die ja nicht nur mit Kindergärten für die Truppe im Allgemeinen, sondern auch mit dem Begriff des Gehorsams im Besonderen zu tun hat, anders an die Sache heran.

Warten wir das mit den Flegeljahren mal ab.

Dein Ulrich

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