Hundetagebuch 31

Lieber Ulrich,

es fällt mir nicht leicht es einzugestehen, aber Mika – um es altmodisch-sentimental auszudrücken – wächst mir zusehends ans Herz. Das liegt wohl auch daran, dass ich gerade zwei Tage mit ihr alleine auf dem Lande verbracht habe und sie sich ausgesprochen gut benommen hat. Es stimmt schon, was D. mir bei gelegentlichen Krisen entgegenhielt: ein Hund ist im Gegensatz zu unseren unabhängigen Katzen, ein Kumpel und Gefährte. Ganz abgesehen davon, dass er einem allein im Wochenendhaus, ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Noch, vermute ich allerdings, würde Mika einen möglichen Einbrecher eher durch Zuneigungsgesten zum Rückzug veranlassen, als durch glaubwürdige Drohhaltungen.

Wir haben bei frühlingshaften Temperaturen lange Spaziergänge unternommen. Mika hat wieder Hasen gejagt, ist in immer enger werdenden Kreisen durch Wasserlachen gejagt, bis sie wie durch den Waschtrog gezogen aussah und war anschließend so erschöpft, dass ich entspannt meinen Roman (William Boyd, „Ruhelos“) lesen konnte. Eine ausgesprochen spannende, gut geschriebene Spionage-Mutter-Tochter-Geschichte, die u.a. den 2. Weltkrieg, die RAF und vieles mehr aus zwei Perspektiven behandelt. Empfehlenswert!

Was den von Dir, im Zusammenhang mit meiner Frage nach der Hundeseele erwähnten Kolumbus-Film angeht, so muss ich gestehen, dass ich ein absolut schlechtes Gedächtnis für Filme habe. Das hat den Vorteil, dass ich mich auch an die schlechten nicht oder nur mit Mühe erinnere, den Nachteil, dass ich häufig Filme im Fernsehen anfange, um nach der Hälfte zu merken, dass ich die Pointe kenne, dann aber doch weiterschaue, und damit wichtige Lebenszeit einem durch die Redundanz zweifelhaften Vergnügen widme.

Woran ich mich aber zum Beispiel gut erinnere, obwohl ich ihn nur ein einziges Mal gesehen habe, ist „Hutsch“, in dem sich eine Zuneigung zwischen einem Mann und einem phänomenal sabbernden riesigen Hund entwickelt. Dieser Film war einer der Gründe, warum ich große Bedenken gegen einen in der Mischung nicht leicht zu ergründenden Uckermärkschen Dorfhundewelpen hatte. Was, wenn Mika ein ebensolcher dauersabbernder Riesenhund geworden wäre? Ist sie aber nicht, wirst Du mir antworten, womit Du natürlich Recht hast.

Mika hat übrigens alle Versuche der Schlappenvernichtung eingestellt. Ich vermute nicht, dass dies ein Ergebnis meines lautstarken Protestes ist, sondern eher ein Zeichen zunehmender Reife. Sie legt sich jetzt nur noch mit Begeisterung auf Hausschuhe drauf und versucht an meinen hausschuh- und sockenfreien Füssen zu lecken. Ausgesprochen angenehm finde ich es, wenn sich Mika mit einem wohligen Seufzer neben mir niederlässt, zumal hier eine enge Verwandtschaft zwischen alterndem Mensch und Hund dokumentiert wird. Es wird auch Dir schon aufgefallen sein, dass mit zunehmendem Alter, Sitz- und Bückbewegungen von leichtem Stöhnen begleitet werden, das den meisten Zeitgenossen gar nicht mehr auffällt, und auch mir durch den Auftritt eines Kabarettisten beim 50. Geburtstag unseres Freundes Gebhard in bleibender Erinnerung ist. Deshalb versuche ich dieses Geräusch tunlichst zu unterdrücken, fühle mich aber durch Mika geradezu ermutigt, es nicht länger als Altmännergeächse zu interpretieren.

Morgen steht uns die erste größere Reise bevor. Wir besuchen unsere Mütter, um Geburtstag zu feiern und den Familienzuwachs –nach dem seit Monaten immer wieder gefragt wird – zu präsentieren. Vermutlich werden wir auf der Strecke durch Thüringen und Hessen Rast- und Parkplätze aus einer ganz neuen Perspektive kennen lernen, denn in fünf Stunden „durchbrettern“ ist natürlich nicht mehr drin. So bringt uns der Hund zur Vernunft! Darauf, wie sich unsere Dreisamkeit im Hotelzimmer gestaltet, wie es mit dem Besuch der Frühstückbuffets aussieht, wie Mika als Osthündin den Westen erlebt, bin ich natürlich sehr gespannt. Gerade höre ich, wie sie im Erdgeschoss ihren Napf leer frisst. Es ist also alles in Ordnung.

Apropos „Fressen“. Du wirst Dich noch an die Zeiten erinnern können, in denen die Metzgersfrau hundebesitzenden Kunden noch einen leckeren Knochen „für Ihren Hund“ in die Tüte packte. Die begleitenden Kinder bekamen ein Scheibe Wurst über die Theke gereicht. Die Wurstscheibe gibt es immer noch, aber keine Hundeknochen mehr. Ganz im Gegenteil! Zumindest in den uns in der Nähe zugänglichen Metzgereien musst du die für Hunde zugelassenen Rinder- oder noch besser Kalbsknochen bestellen, um sie dann trotzdem nicht zu bekommen.

D. ist deswegen auf Rinderohren und Ochsenziemer ausgewichen, die ihr von einem sachkundigen Menschen auf dem Markt empfohlen wurden. Auf ihre Frage, um welchen Körperteil es sich denn beim Ochsenziemer handle, habe ich ohne länger nachzudenken geantwortet, dies sei der Penis des Ochsen. D. hat es trotzdem im Duden nachgelesen, weil ihr eine derart knochige Angelegenheit nicht sofort nachvollziehbar erschien. Um Dir das, offenbar wegen kommerzieller Verunreinigung wenig geschätzte, „Googeln“ zu ersparen, zitiere ich aus dem Duden: „Penis des Rindes, getrocknet als Stock, Peitsche oder Hundefutter verwendet.“

Mika ist davon begeistert und jeder Zeit bereit, von anderen Tätigkeiten abzulassen, auf Abschiedszeremonien zu verzichten, ja sogar das Verfolgen unserer Katzen einzustellen. Ochsenziemer ist noch vor Parmaschinkenknochen überhaupt das Größte. Das erinnert mich an eine Studentenreise nach Rumänien, bei der die Spezialität „Futuli“ auf der Speisekarte stand, bei der es sich um Ochsenhoden handelt, die allerdings dann weniger von den weiblichen als von den männlichen Teilnehmern der Gruppe bestellt wurden. Ziemer wurde nicht angeboten!

Soviel für heute. Über karnevalistische Ausflüge in die Lausitz unterhalten wir uns wenn die närrische Zeit wieder naht.

Wau, Wau – Dein Hansjürgen

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