Jemand erzählte eine Fabel, und die ging so:

In einem schönen Dorf waren die Gärten mit prächtigen Obstbäumen bepflanzt. Manche Dörfler hatten zahlreiche Apfelbäume, dafür nicht so viele Birnen, kaum Kirschen. Bei anderen wiederum gediehen die Kirschen vorzüglich, dazu Pflaumen und die seltenen Reineclauden. Wieder andere waren stolz auf ihre Nussbäume, neben denen sie auch Äpfel, Kirschen und Pfirsiche ernten konnten. So unterschiedlich war es bei allen, und wenn sie von einer Fruchtsorte zu viel hatten, tauschten sie über die Gartenzäune Äpfel gegen Kirschen, Nüsse gegen Birnen, Pflaumen gegen Äpfel, Reineclauden gegen Pfirsiche und so fort. Was nicht getauscht oder selbst verzehrt wurde, verkauften die Dörfler auf dem Markt. So ging es seit sie denken konnten und alle waren zufrieden.

Eines Tages sagte einer der Dörfler am Stammtisch im Dorfkrug: Wenn wir doch all die Jahre so einmütig unsere Pflaumen, Birnen, Nüsse, Kirschen getauscht haben, wozu haben wir dann noch Zäune zwischen unseren Gärten? Lasst uns die Zäune einreißen. Und nicht nur das – was soll die aufwendige Tauscherei – wir wissen doch wer welche Früchte am liebsten mag. Soll sich jeder pflücken, was er sonst getauscht hätte. Alle dachten ein wenig nach, bestellten noch eine Runde Bier und Schnaps, beredeten den Vorschlag, bestellten noch eine Runde und noch eine, wurden immer fröhlicher und nach jeder Runde schien ihnen die Idee der eingerissenen Zäune vernünftiger. Sie berauschten sich am Bild des zaunlosen Dorfes, und als gegen Mitternacht einer den Einfall hatte, wenn alle Dörfler Gleiche unter Gleichen seien, warum nicht ein Gleiches auch mit den Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen tun, schließlich sei alles Obst, da trommelten alle Beifall mit ihren Fäusten auf den Stammtisch und beschlossen, die verschiedenen Früchte nicht mehr bei ihren Namen zu nennen, sondern nur noch Obst. Sie umarmtem sie sich beim Abschied vor dem Krug und frohlockten: Wir sind jetzt das Dorf ohne Zäune mit Obst. Und ehe sie alle glücklich zu ihren Häusern torkelten, ernannten Sie schnell noch unter allgemeiner Heiterkeit den Chef der freiwilligen Feuerwehr zum Oberobstaufseher ohne besondere Aufgaben.

Die Sache ließ sich gut an. Die Zäune waren weg, man besuchte sich häufiger, weil die Wege zu den Nachbarn jetzt sehr kurz waren, jeder pflückte sich sein Obst, wo er es früher getauscht hatte, bis nach der dritten oder vierten Ernte einige Dörfler meinten, da ginge etwas nicht gerecht zu. Es stellte sich nämlich heraus, dass bei manchen von ihnen die Bäume schon kahl waren, wenn die Nachbarn kamen, um ihren Anteil Obst zu pflücken. Sie hätten das Obst selbst gebraucht, verteidigten sich die Dörfler mit den abgeernteten Bäumen. Auch seien ihre Grundstücke kleiner und sie hätten weniger Bäume. Das wurde, unter Murren allerdings, hingenommen. Als sich dann aber herausstellte, das manche Dörfler nicht nur übermäßig viel Obst bei ihren Nachbarn pflückten, sondern es auch noch auf dem Markt verkauften, kam Unfrieden über das Dorf.

Ein Wandersmann, der im Dorfkrug Zeuge der Streitereien wurde, mischte sich ein und sagte, ihr hattet eine gute Idee, aber ihr habt wichtige Dinge vergessen zu regeln. Weder habt ihr die unterschiedliche Größe eurer Gärten bedacht, noch die Zahl der darauf wachsenden Obstbäume, ihr habt außer Acht gelassen, dass manches Obst wertvoller ist als anderes und dass es Jahre mit guten und mit schlechten Ernten gibt. Das war dumm.

Die gekränkten Dörfler warfen den Wandersmann aus dem Krug und waren sich für einen Augenblick wieder einig. Gerade zu dieser Zeit war das Obst aber auch noch knapp geworden und schließlich war gar keines mehr da. Niemand wusste genau zu sagen, wo es geblieben war, außer dass die Dörfler mit den kleinen Gärten wohl mehr Obst geerntet hatten, als ihnen zustand. Wozu haben wir eigentlich einen Oberobstaufseher gewählt, fragte einer, und alle liefen zum Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr. Der Oberobstaufseher sollte es richten. Der Chef der Freiwilligen Feuerwehr bat die Dörfler, sich in aller Ruhe im Dorfkrug zu versammeln und schon mal eine Runde Bier und Schnaps zu bestellen, er werde sich etwas einfallen lassen. Als der Oberobstaufseher schließlich in den Krug kam hatten alle Dörfler schon ordentlich geladen. Deshalb fanden sie seinen Vorschlag ausgezeichnet. Tags darauf zog die Feuerwehrkapelle durchs Dorf und dazu sang der Kirchenchor:

Dies’ Jahr ist kein Obst mehr da,

Holla, holla, heissassa.

Warten wir aufs nächste Jahr,

Holla, holla heissassa.

Aber auch das darauf folgende Jahr brachte keine Besserung. Die Dörfler gaben sich gegenseitig die Schuld und holten ihre Zäune wieder hervor, die sie vorsichtshalber in den Scheunen aufbewahrt hatten. Und sie nannten Pflaumen wieder Pflaumen, Kirschen wieder Kirschen, Äpfel Äpfel, Birnen Birnen….

Als der Erzähler mit seiner Fabel geendet hatte, klatschten seine Zuhörer Beifall, lachten über die Dummheit dieser Dörfler und blinzelten selbstzufrieden; und einige sagten, kannten denn diese Dörfler nicht das Sprichwort, man dürfe Äpfel nicht mit Birnen vergleichen !?

Wie Recht ihr habt, sagte der Erzähler.

 

HdM

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