Hundetagebuch 33

Lieber Ulrich,

„Man kann ohne Hund leben, aber es lohnt sich nicht!“ war auf einem der Autos zu lesen, die auf dem Parkplatz des Hotels „Dolce“ in Bad Nauheim standen. Wir hatten vorsichtshalber bei der Buchung unseres Zimmers im „Wellnesshotel am Kurpark“ gefragt, ob Hunde willkommen seien. „Gegen eine Gebühr von 15.- EUR pro Nacht jederzeit“, lautete die freundliche Antwort. Direkt neben der Vorfahrt, wo sonst dienstbare Geister auf das Gepäck der Gäste warten, fanden wir dann auch die „Hundestation“ mit Tütchenspender und Abfalleimer, und in der großzügigen Halle bellte bereits ein anderer Hund.

Ich will Dich nicht unnötig auf die Folter spannen: an diesem Wochenende fand im „Dolce“ ein Kongress der Hundetrainer statt, so dass es kaum Gäste ohne vierbeinige Begleiter gab. Die wenigen Gäste die ein „Relax-Wochenende“ gebucht hatten und „normal“ gekleidet zum Frühstück erschienen, waren nicht nur leicht irritiert durch die eher zweckmäßige, sportliche oder verwegene Kleidung der großen Mehrzahl der Anwesenden. Das sonst eher gediegen-vornehm wirkende Hotel hatte auf einmal die Anmutung einer Mischung aus Jugendherberge und Überlebenstrainingslager. Uns konnte es nur Recht sein und Mika natürlich auch.

Beim Frühstück, bei dem allerdings nur wenige Hunde anwesend waren, und das wir wegen mangelnden Vertrauens in die Disziplin unseres Hündchens in Etappen wahrnahmen, drehte sich an den Nebentischen alles um den Hund. Und im Gespräch erfuhren wir dann, dass ein ordentlich registrierter Hundetrainer (in der Mehrzahl waren es übrigens Trainerinnen) zweimal im Jahr eine solche Fortbildungsveranstaltung besuchen muss, um über Rechts-, Gesundheits- und Therapiefragen informiert zu werden.

Eine sehr sympathische Trainerin bestätigte meine Vermutung, dass es aus Sicht der Profis das weit größere Problem ist, die Besitzer zu erziehen. Besonders die Männer – also Menschen wie Du und ich – täten sich ausgesprochen schwer aus sich heraus zu gehen, ihren Hunden zu zeigen, was sie tun sollen und nach erledigter Aufgabe entsprechend enthusiastisch in Lobesschreie auszubrechen. Ich habe nicht widersprochen, da ich mich noch allzu gut an meine Schwierigkeiten erinnerte, bei den ersten Stunden mit unserem Trainer Jacek ,

1. laut in die Hände zu klatschen, dabei 2. mit freudiger, heller Stimme „Mika!!“ zu rufen, 3. in die Hocke zu gehen, 4. aus der Jackentasche ein Leckerli zu holen, dabei 5. mehr oder weniger gleichzeitig meine Arme auszubreiten, um 6. die warme Schnauze in meinem Gesicht zu begrüßen und das Belohnungsfutter so zu verabreichen, dass Mika dafür in die „sitz“ Position ging. Inzwischen bin ich da routinierter geworden, bemerke dafür wachsendes Unverständnis bei unseren Katzen Tom und Lucy, wenn ich mich ihnen gegenüber ähnlich verhalte. Sie finden das, glaube ich, ziemlich blöd.

Insgesamt verlief unsere Reise ins schöne Hessenland unproblematisch. Entgegen allen Hinweisen, in den von Dir ohnehin verachteten Ratgebern, schlief Mika über weite Strecken und war mit einer kurzen Pause innerhalb von fünf Stunden voll und ganz zufrieden. Von Raststätten und Parkplätzen kann ich übrigens nur abraten, nicht nur weil dort jede Menge Müll herumliegt, und der Autobahnlärm Mensch und Tier auf die Nerven geht, sondern weil Autofahrer, die die Toilettengebühr sparen wollen, in der Gegend herumscheissen, im Gegensatz zu uns Hundebesitzern natürlich keine Tütchen für ihre Exkremente benutzen und diese wiederum von großer Anziehungskraft auf Hunde zu sein scheinen.

Wir sind deshalb von der Autobahn ab- und in einen Waldweg gefahren. Außer uns hatten auch andere Hundebesitzer diese Idee, so dass es zu den stets gern gesehenen Sozialkontakten kam. Als allerdings gleichzeitig sechs Dackelwelpen sich an Mika zu schaffen machten, reagierte diese mit einer Mischung aus Irritation und Angst. Vermutlich hielt sie die Winzlinge für Hundepiranjas, die jeden Moment zerfleischend über sie herfallen könnten.

Die wenig vertrauenswürdig wirkende Besitzerin erklärte entschuldigend, sie sei seit 24 Stunden unterwegs, was sie auch nicht seriöser machte, zumal im Anhänger ihres vergammelten Mercedes weitere Hunde rebellierten. Vermutlich illegaler Hundehandel, jedenfalls keine Trainerin auf dem Weg nach Bad Nauheim.

Mika lernte an diesem Tag Dagmars Mutter kennen, auf die sie zu unserer großen Freude sofort mit wedelndem Schwanz zulief. Sie wurde vom Personal des Seniorenheims bestaunt und gestreichelt, fuhr mit einem gläsernen Fahrstuhl aus dem 6. Stock ins Parterre und profitierte von den übergroßen Portionen der bodenständigen Küche im Restaurant „Zur Krone“. Preiswert, gut, hundefreundlich. Es bleibt auf jeden Fall etwas für das Hündchen übrig. In unserem Falle wunderbar mürber Tafelspitz mit etwas Frankfurter Grüner Soße und geschwenkte Petersilienkartoffel. Mika, die natürlich erst am nächsten Tag damit verwöhnt wurde, möchte uns häufiger in die „Krone“ schicken.

Die Nächte waren bis auf zwei kurze Unterbrechungen durch Warngebell problemlos, aber sollen wir uns darüber beschweren, wenn unser Hund vor dem Hotelzimmer nach Mitternacht palavernde Gäste als ruhestörende Feinde ausmacht ?

Das Ablegen im Kurpark war auch kein größeres Problem, zumal vorbildlich geschulte Hundetrainerhunde mit perfekten Ablegemanieren massenhaft den Park bevölkerten. Eines allerdings mag Mika überhaupt nicht: an der Leine zu irgendwelchen „Geschäften“ aufgefordert zu werden. Das kann ich nun wirklich nachvollziehen. Schon als Kleinkind soll ich nach Aussagen meiner Großmutter nur dann erfolgreich das Töpfchen benutzt haben, wenn keine wachsamen Augen auf mir ruhten. Ich weiß gar nicht, was es für Folgen gehabt hätte, wäre ich in die DDR hineingeboren und im Kinderrudel auf den Topf gesetzt worden. Wir kennen ja die von Christian Pfeiffer ausgelöste Diskussion über die dadurch erzeugten autoritären Prägungen, sowie die einschlägigen Fotos der Kleinkindreihen.

Am zweiten Tag lernte Mika dann meine ebenfalls von ihr begeisterte Mutter, weitere Aufzüge und Gaststätten, sowie einen anderen Hund kennen. Mit diesem, zu einer ehemaligen Klassenkameradin meiner Frau und ihrem Mann gehörenden Labrador, machten wir einen langen Waldspaziergang, den Mika und Polly nutzten, um sich total einzusauen. Außerdem musste ich sie mit lautem Gebrüll vom Grün eines benachbarten Golfplatzes zurückbeordern. Allein dieser kleine Zwischenfall stärkte mein Verständnis dafür, dass in fast allen Golfclubs dieser Welt Hunde nicht besonders gern gesehen sind, zumindest nicht auf dem Platz.

Bei uns in Wannsee, immerhin dem ältesten Club Deutschlands, sind Hunde im Restaurant und auf der Terrasse zwar laut Hausordnung „nicht erwünscht“, aber das gilt laut Beschluss der Mitgliederversammlung künftig auch für Raucher. In der Praxis bedeutet das, so lange sich keiner ernsthaft daran stört, werden Raucher und Hunde geduldet. Typisch Berlin.

Auch vom Abendessen nach dem Schlammspaziergang profitierte Mika wieder. Zum einen, weil sie unter unserem Tisch und nahe der Heizung langsam trocknen konnte, zum anderen, weil auch hier ein Stück Fleisch (dieses Mal Lamm) für sie übrig blieb. Dagmars Freundin Ellen hatte praktischer Weise eine kleine Plastikdose dabei, aus der sie Hundekuchen hervorholte und in die sie hundegeeignete Speisereste hinein tat. Es erübrigte sich dadurch die immer etwas peinlich Frage: „Könnten Sie das bitte für uns einpacken?“

Leider rieselte aus unserem trockenen Hund bei der Ankunft im Hotel so viel Sand, dass Mika zum ersten Mal in ihrem Leben in die Badewanne musste, um zumindest im unteren Fellbereich abgeduscht zu werden. Ich habe den Vorgang nur akustisch verfolgt, aber es rumpelte zuerst erheblich im Bad, wurde dann eher friedlich, um mit einsetzendem Föngeräusch wieder etwas heftiger zu werden. Schließlich lag Madame ganz friedlich auf der mitgebrachten Decke an der Heizung, um dann an meine Seite des Bettes zu wechseln und mir bei der Lektüre von John Updikes neuem Roman „Terrorist“ Gesellschaft zu leisten. Ich bin zwar erst bei Seite 50, kann aber schon jetzt eine vorsichtige Empfehlung aussprechen!

Zum Schluss dieser etwas langen Tagebucheintragung noch eine Aufschrift von einem Hundetrainerauto: „Finger weg- AUSSIES“ und der Hinweis vom Frühstückstisch: „Haben Sie schon einmal DOG rückwärts buchstabiert?“

Ja, ja!

Da kann ich nur noch eins draufsetzen, indem ich ein Gedicht von Ulla Hahn umwandle: „Schön langsam/ mit einem Hund/alt und verrückt werden./ Andererseits/ geht es allein/ viel schneller.“

Wau!

Dein Hansjürgen

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