Hundetagebuch 2

Lieber Hansjürgen,

Ich beginne also mit dem P.S. und nehme, wie die Anrede bereits zeigt, Dein Angebot freudig auf. Deine Zeilen haben mir natürlich ohne dass dies Deine Absicht war – ein schlechtes Gewissen bereitet.

Bis auf ‚Braver Hund‘, D.’s freundliches und vorausschauendes Geschenk, habe ich mir in den anderen in unseren Haushalt gekommenen Büchern bisher nur die niedlichen Welpenfotos angesehen. Und auch ‚Braver Hund‘, muss ich bekennen, habe ich nicht wirklich mit dem nötigen Eifer durchgearbeitet. Vielleicht hat dies mit unseren unterschiedlichen Temperamenten zu tun, die sich in unserer Hundezukunft zum tierischen Vorteil ergänzen könnten: Während Du als verantwortungsvoller Journalist bei auftauchenden Problemen in der Theorie voll abgesichert bist und auf lückenlose Recherche hinweisen kannst, gehe ich, wie auch in meiner Drehbucharbeit, eher assoziativ vor.

Das heißt, ich lasse die Probleme in einer gewissermaßen verantwortungslosen Neugier auf mich zukommen, um sie dann einer kreativen Lösung zuzuführen. Dabei bin ich sicher, dass bei dem Thema, über das wir hier schreiben, Deine Methode der meinen weitaus überlegen ist. Das wird sicher dazu führen, dass ich mich in Fällen großer Ratlosigkeit an Dich wenden werde, um wenigstens einen theoretischen Tip zu bekommen. Ich, meinerseits, könnte vielleicht mit einem ‚Probier doch mal folgendes …‘ hilfreich sein, wenn Mika sich aller Theorie zum Trotz anders verhält als gewünscht. Unsere Verzweiflung wird also eine geteilte sein. Nun befinde ich mich allerdings in einer prozentual etwas komfortableren Lage. Du bist ein Fünfzigprozenter – Ihr seid zu zweit, D. hat Dich für ein Ja zu Mika gewonnen – , ich bin nur ein Fünfundzwanzigprozenter, denn mein Ja wurde mir von G. und meinen beiden Töchtern abgerungen. Zwar ist dieses Ja inzwischen ein freudiges, aber im Ernstfall heißt es bei mir : Ihr wolltet ja unbedingt …, während es bei Dir in so einem Fall eben heißt: Du wolltest ja …

Ob das allerdings Mika oder Emma in irgendeiner Weise beeindrucken wird, muss bezweifelt werden. Während Du noch auf einen Blick hin und wieder in eines der Fachbücher angewiesen bist, haben wir bereits erste Erfahrungen mit dem lebendigen Wesen gemacht. Emma hat sich bei uns in der Uckermark offensichtlich sehr wohl gefühlt. Plötzliches nervöses zur Tür Laufen wurde von der hundeerfahrenen Ehefrau richtig als ein Wunsch zum ‚Lösen‘ außerhalb des Hauses gedeutet. Da muss ich noch viel lernen. Auch Emmas Versuch vom Garten auf die angrenzende Weide, und von dort etwa auf die Landstraße zu gelangen, wurde von G. mit einem beherzten Griff ins Nackenfell vereitelt. Da Welpen aber ungefähr so unberechenbar und schnell sind wie Kleinkinder, und der erfolgreiche Griff nach meiner Beobachtung eher ein glücklicher Zufall war, erwäge ich, das Grundstück im unteren Zaunbereich mit Kaninchendraht zu sichern. Da es sich dabei um eine Gesamtlänge von ca. 180 Metern handelt, werde ich diese Arbeit wohl in Auftrag geben und nicht selbst ausführen. Sei bitte versichert, dass ich Dir mit dieser Passage nicht das Herz schwer machen wollte, denn Du hast es ja mit sehr viel mehr Metern zu tun.

Zu diesem Komplex gehört auch das von Dir angeschnittene Thema Leine. Nein, wir haben noch keine. Wissen auch noch nicht so recht wohin wenden, denn der (ehemals von Sabine Christiansen und Kanzlerfrisör Walz betriebene) Hunde-Luxusladen in der Kempinskipassage kommt für uns nicht in Frage. Natürlich weißt Du aus der Fachliteratur – das habe auch ich mir gemerkt – dass die Leine einerseits geschmeidig, andererseits bissfest sein soll und eine Länge von 180 cm nicht überschreiten. Ein erster, kläglich gescheiterter Versuch, Emma ein Halsband anzulegen, unabdingbare Voraussetzung für die Leine, hat mich zu der Überzeugung gebracht, dass ich mich von weiteren Versuchen fernhalten und erst in die Schlaufe greifen werde, wenn Emma diese Einschränkung ihrer Freiheit akzeptiert hat. Auch Deine übrigen Fragen kann ich nicht zufriedenstellend beantworten. Lediglich die, ob meine Ablehnung mir nicht als menschliche Grausamkeit vorgeworfen worden wäre, kann ich vorbehaltlos mit Ja beantworten. Hier bin ich als Fünfundzwanzigprozenter deutlich im Nachteil: Ich hätte nicht nur die Ehefrau sondern auch zwei Töchter verloren. Lass mich mit etwas Tröstlichem schließen. Sich neben den Welpen zu hocken, ihm in einem Augenblick der Ruhe über das Fell zu streichen, ihn, was mit einem wohlig – einverständlichen Blick belohnt wird, unter der unendlich weichen Schnauze zu kraulen, ist etwas sehr Schönes und eine für mich neue und sehr positive Erfahrung. Ich bin sicher, so wird es auch Dir gehen. Vergessen wir also für einen Augenblick das Leid und denken wir nur an die

Vorfreude.

Dein Ulrich

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